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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Grenzsituationen - 23. August - 4. Oktober 2019

Grenzsituationen - die Galerie [ Der Lokschuppen ] zeigt Malerei und Geschnittenes von Martin Musiol sowie Holz- und Metallskulpturen von Berthold Grzywatz

Martin Musiol, Das Mädchen und der Tod

 

 

Berthold Grzywatz

 

DISPOSITION UND MODERATION –

DIE AMBIVALENZ DES ICHS

ZUR MALEREI VON MARTIN MUSIOL

 

Martin Musiol, der an der Kunstschule Blankenese und der Malschule Ottensen Malerei studierte, bevorzugt in seinen Arbeiten Acrylfarben. Ihre Eigenschaften erlauben es, die Farbe zu beherrschen, und eine Malweise zu unterstützen, die auf zügiges Arbeiten angelegt ist. Der rasche Pinselstrich zielt auf die Momentaufnahme, auf das Einfrieren einer Situation ab, in denen sich Menschen offenbaren. Das Verwenden von Neonfarben, die ein Malen vom Hellen zum Dunklen erfordern, unterstreicht diese Zielsetzung, indem der Mensch in eine besondere Aura gesetzt wird; seine Körperlichkeit bzw. Körpersprache sollen hervorgehoben werden. Zudem erlauben es diese Farben, den Menschen selbst in der Masse noch aufleuchten zu lassen.

Der Betrachter wird mit der Absicht konfrontiert, die Disposition des Menschlichen aufzuzeigen. Das heißt, es geht um das Offenlegen von Verhaltensweisen, Emotionen, Symptomen, von Eigenheiten, Einstellungen und Einschätzungen in den unterschiedlichsten Lebenssituationen. Dabei ist unser Leben nicht von einer isolierten Subjektivität her zu erklären, sondern in den vielfältigen Formen der zwischenmenschlichen Bezüge. Neben dem Miteinander treten Spannungen verschiedenster Art auf, das Einander-nichts-angehen, das Aneinander-vorbeigehen bis hin zum Widereinander und zur Feindschaft.

Unser Ich trägt, ob wir es wahrhaben wollen oder nicht, die Negation des Lebens, mithin seine Zerstörung als Einheit, in sich. Spannungen, Zerwürfnisse, Streitigkeiten können bis zur psychischen und physischen Vernichtung des anderen führen. Dabei ist der Ursprung dieser Negation in der Konstituierung unseres Ichs zu suchen. Voraussetzung meiner Selbständigkeit ist die Auflösung meiner unmittelbaren Bindung an andere. Wir wollen nicht außengesteuert sein, sondern uns selbst zu dem machen, was wir sein können. Damit ergibt sich jedoch eine Ambivalenz, eine Zweideutigkeit des Ichs, denn das eigene Tätigsein mit dem Ziel etwas für sich selbst zu erreichen, erweist sich gegenüber der Außenwelt als Egoismus: sei es nun unter dem Gesichtspunkt des gewöhnlichen Eigennutzes oder sei es gar als Destruktion, als Aggression gegen Wehrlose, als Quälerei, Erniedrigung, Entwürdigung oder als Tötung und politisch motivierte gewaltmäßige Negation bestehender Verhältnisse.

Die Negation oder das negative Verhalten gründet im Umsturz der Ordnung in mir selbst und der Ordnung in Bezug zu meinen Mitmenschen, da sie mich in ihrer Vorgegebenheit bindet bzw. beschränkt. An diesem Punkt setzt Martin Musiols Malerei an. Sie nimmt die Form einer Moderation an. Unparteilich, wenn auch nicht distanziert neutral, mitfühlend und verständnisoffen setzt sie sich dem Beobachten, dem Annähern und Eindringen aus, um die Brüche im Ich, die Hintergründe von Gewalt oder das Ausprobieren des Unwägbaren, mithin das kalkulierte Infragestellen des Lebens, auszuloten. Seine Bilder können von innen herauskommen, wie in der Werkreihe „Situationen“ oder sie entwickeln sich als intellektuelle Herausforderung, indem ein tradiertes Thema als Aufgabe angenommen wird.

In dieser Hinsicht möchte ich auf das Sujet „Tod und Mädchen“ verweisen, mit dem sich Martin Musiol immer wieder auseinandergesetzt hat. Dieses Sujet begegnet uns schon zu Beginn des 16. Jahrhunderts bei Hans Baldung, der Lebensfreude und Todesbewusstsein bzw. die Vergänglichkeit reflektiert, oder zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei Egon Schiele, der Eros und Tod als Grenzerfahrung deutlich macht und der im Lebensumriss immer den Tod eingeschlossen sieht. Von Schiele ist die Zeile überliefert: „Ich bin Mensch, ich liebe den Tod und liebe das Leben“. Martin Musiol nähert sich dem Leben von seinen Risiken her, die dem Leben immanent sind und ohne deren Existenz Leben möglicherweise nicht Leben ist.

Martin Musiol, John Lennon und Mark David Chapmann

 

 

 

Einen Schritt weiter geht Musiol in seinen Opfer-Täter-Bildern, in denen die personifizierte Gewalt wie ein Schatten das Opfer begleitet. Die Komposition der Bilder unterstreicht diese Form der Beziehung, indem das Opfer in den Vordergrund gestellt wird, während der Mörder bzw. die Mörderin im Hintergrund bleiben, aber überaus präsent sind. Der nicht sichtbare Gewaltakt, der als Hintergrundinformation vorausgesetzt wird, schafft gleichsam eine Art Intimität zwischen Opfer und Täter. Man könnte sich fragen, ob eine Darstellung, die vom Bildnerischen ohne Parteinahme ist, erlaubt sein kann, zumal sie vom Betrachter das Bemühen der Erinnerung verlangt, und das Bilderlebnis eines jüngeren Menschen gar von der vermittelnden Aufklärung abhängig macht.

Die in den Personen angelegte Gegenüberstellung beinhaltet indessen keine Relativierung der Taten und noch weniger eine Rechtfertigung der Gewalt, vielmehr impliziert sie die Aufforderung, über deren spezifische Ursachen zu reflektieren. Die Kenntnis dieser Ursachen ist zugleich Aufforderung zur praktischen Humanität. Der in der Besessenheit eines Fans geborene Hass, der durch individuelle Störungen aufgehende politische Fanatismus, der durch die Erfahrung von Gewalt und Krieg entzündete nationalistische Terror oder das einem tief verwurzelten Sozialneid entwachsene Klassenressentiment verweisen auf Gefährdungen des Menschen, die sich in ihrer radikalen Form als Aggression entladen, oder, metaphorisch gesprochen, die im Menschen angelegte Grausamkeit zur Entfaltung bringen.

Die Ambivalenz des Ichs verlangt in unserer Zeit, dass die Menschheit sich als einheitliches Geschichtssubjekt konstituiert und dass menschliches Zusammenleben in der Form gesichert wird, dass jeder ein menschenwürdiges Dasein zu führen in der Lage ist. Ein ethischer Minimalkonsens also, dessen aktuelle Realität angesichts politisch-sozialer und nicht zuletzt ökologischer Krisen immer noch im Gewand eines fernen Ziels daher zu schreiten neigt.

 

Berthold Grzywatz - Grenzsituationen

Berthold Grzywatz, Überleben (Metallguss)

 

Berthold Grzywatz führt die Auseinander-setzung mit dem Ich im Zusammenhang mit seiner gesellschafts-historischen Bedingtheit. Immer wieder fragt er nach dem Verhältnis von Freiheit und Unfreiheit, von Macht und Ohnmacht im menschlichen Miteinander. Nicht zuletzt in einer Gegenwart, die ökologisch wie sozial zur Verantwortung herausfordert. Die neuen Metall- und Holzarbeiten von Grzywatz reflektieren eine Wirklichkeit, die wider-sprüchlicher nicht sein kann und die mithin jede Existenz zur Ungewissheit macht. „Und Lazarus träumt auf schmalem Grat (vom) Überleben“ – drei Werktitel des Künstlers zum Satz geformt. Grenzsituationen verweisen auf ungewöhnliche Zustände, deren Bewältigung Außergewöhnliches verlangt. 

Ausstellungsimpressionen:

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