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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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ANDERSSAGEN - 4. August - 7. Oktober

ANDERSSAGEN - die Galerie [ Der Lokschuppen ] zeigt Malerei, Grafik und Collagen von Werner Lohmann und Skulpturen von Berthold Grzywatz

 

Mit der Provokation des Sehens soll sich das Wahrnehmen der Abweichung, dem Fremden und Ungewohnten öffnen – mit anderen Worten: die Bewältigung des Realen Anderssagen. B. G.

 

Farbenspiel 09, Acryl auf Holz

 

Berthold Grzywatz

 

Paradoxie, Satire, Form und Farbe

Zum Werk von Werner Lohmann

 

 

Werner Lohmann, in Berlin geboren, hat seine künstleri-sche Ausbildung vorwiegend in Hamburg erhalten, unter anderem an der Fachhoch-schule Hamburg. In dieser Stadt begegnete er auch dem Maler und Objektkünstler Jaakov Blumas, dem er sich zeitweilig anschloss, ohne dessen abstraktem Konstruktivismus zu folgen. Blumas verweigert sich in seinen Bildern der alltäglichen Erfahrung, der inhaltlichen Anspielung oder Bedeutungssuche. Er organisiert stattdessen Bildteile zu einem ungegenständlichen Ganzen, jenseits von Geste und Expression.

So ist es vielleicht eher das Ringen um malerische Wirkungen, um die Präsenz der Farben, sowie das Spiel mit dem Ornamentalen, insbesondere dem bewegten Ornament, das an Gemeinsamkeiten und Anknüpfungen denken lässt. Werner Lohmann bleibt insofern einer gestischen Malerei verpflichtet, als seine Werke häufig inhaltlichen Bindungen unterworfen sind und die Bilder daher nicht zu autonomen, eine eigene Wirklichkeit präsentierenden Objekten gemacht werden.

 

Boxenstopp, Acryl, Papier auf Leinwand

Der Umgang mit Bedeutungen trägt nun keineswegs einen narrativen Charakter, vielmehr gewinnen sie ihre Wirkung aus dem Spiel und der Komposition einzelner Bildele-mente. Um das zu verdeutli-chen, sei an eine literarische Methode von Günter Eich erinnert, die scheinbar sinn-lose Wortgebilde nutzt, um eine semantische Formel zu produzieren, die assoziativ die Wirklichkeit erhellt. An einem Beispiel der Arbeiten Loh-manns soll das erläutert sein: Das Werk „Luxus“ baut seine Eindringlichkeit durch das Verwenden eines einfachen Alltags-gegenstands auf, einer vierseitigen Küchenreibe. Das Objekt wird vor einem farblich zweigeteilten Hintergrund in perspektivischer Reihung dargestellt. Durch die rhythmisierte Anordnung stellt sich beim Betrachter der Eindruck einer endlos bewegten Kette von Objekten ein. Lohmann titelt im Gegensatz zur Banalität des Gegenstands „Luxus“: ebenso ein Hinweis auf die Massenhaftigkeit des Angebots der Warenwelt wie auf die Maßlosigkeit des Konsums in der spätkapitalistischen Gesellschaft. In der bildlichen Anordnung des Objekts entdecken wir gar menschliche Charakterzüge, etwa die Unfähigkeit zur Selbstbeschränkung.

Reihe und Rhythmus bzw. die rhythmisierte Bewegung finden wir auch in einem Bild wie „Shoppen“: Maskenhaft wirkende nackt Frauenoberkörper, bekleidet nur durch ein dunkles Halsband, bilden in schräger Anordnung eine ausgesprochen bedrohliche Front, als gälte es, die Kaufhäuser zu stürmen.

Mit dem Hervorheben des Werktitels wäre zugleich auf ein weiteres Stilmittel von Werner Lohmann zu verweisen. Es geht um den funktionalen Einsatz der Sprache, einerseits im Hinblick auf die inhaltliche Intention des Bildes, andererseits in ihrer bildnerischen Ausrichtung, indem sie selbst zum prägenden Element der Komposition wird. Die Sprache begleitet den Bildaufbau einmal in Form eines inhaltlich richtungsweisenden Schlagworts, ein anderes Mal als ironisierendes Sprachspiel.

 

Luxus, Acryl auf Nessel

Die Wirklichkeitsbewältigung vollzieht sich bei Werner Lohmann häufig im Weg der Satire. Durch Übertreibung, Ironie und Spott wird Kritik an der sozialen Realität geübt, werden Zustände angeprangert oder menschliches Rollenverhalten persifliert. Mitunter bemüht Lohmann das Paradox, sowohl im Rahmen des zwingenden Widerspruchs, der zur Auseinandersetzung aufruft, als auch in Form des nicht auflösbaren Widerspruchs zwischen gleichermaßen plausiblen Bedeutungen. Diese Arbeit mit Paradoxien macht auf einen weiteren Bezug des Lohmannschen Werkes aufmerksam, den Surrealismus mit seiner Dialektik zwischen Gegenstand und Darstellung.

In den Paradoxien gewinnt das Figürlich an Raum. Gegenstände des Alltags wie eine Klammer, ein Handschuh, ein Bügeleisen oder ein Parfumzerstäuber, werden in der Kombination mit verfremdenden Elementen, beispielsweise ein Fensterausschnitt oder ein gebogenes, organisch anmutendes Rohr, zu allegorischen Objekten, um über die Welt zu reflektieren.

 

Farbenspiel 51, Acryl auf Leinwand

Die Collagen und Installationen Lohmanns vertiefen noch die verfremdende Arbeit mit dem Objekt. Zudem wird der Einsatz von Alltagsmaterialien, unter anderem Reißnägel, Drahtstifte, Papiertüten oder Kugelschreiber, in der Bildkomposition deutlich, die das malerische Element zuweilen zurücktreten lassen, während das Ornament zum konstituierenden Bestandteil des Bildaufbaus wird. Der ornamentale Streifen organisiert den Bildhintergrund, geschichtet mit weiteren Ornamenten oder abgesetzt gegen einfache Farbflächen. In einzelnen Werken nutzt Lohmann das Ornament als Bedeutungsträger, so dass er die intendierte Aussage insgesamt verdichtet.

Wenn Lohmann in seinen Paradoxien eher mit einer sparsamen Farbgebung aufwartet, dann dokumentieren seine Farbenspiele einen sinnlichen Umgang mit dem Material. Mitunter entfalten sich die Farben brilliant in fließenden Formen, um in der Fläche durch dunkle Töne gebremst zu werden. Hier könnte man fast von informeller Kunst sprechen; es zeigt sich unterdessen, dass Lohmann überwiegend die Bildflächen durchorganisiert, indem sie durch Linien in Farbfelder aufgeteilt werden – womöglich findet sich hierin ein weiteres Indiz für die Begegnung mit Jaakov Blumas. Dreieck, Rechteck und Kreis konstruieren eine gestaffelte Gesamtfläche, die in ihren zentralen Teilen freilich expressiv gestisch angelegt ist. Selbst Figürliches kann in Ausschnitten erlebt oder in Restformen aufgespürt oder erahnt werden.

 

Leichtsinn, Acryl, Nägel auf Leinwand

Werner Lohmann verwehrt sich in seinen Arbeiten gegen vordergründige Urteile, gegen das Pathos appellativer Botschaften. Gleichwohl ist ihm unsere gesellschaftliche Umwelt Anlass zur eindringlichen Auseinandersetzung. Er sieht das Abgründige im Alltäglichen, spürt die Widersprüchlichkeit der gesellschaftlichen Wirklichkeit auf. Die Maßlosigkeit seiner Zeit wird immer wieder gleichnishaft in seinem Werk dargestellt. Er konzentriert unser Augenmerk auf das Wesentliche, er entschlackt gewissermaßen unsere eingeübten Orientierungen, um einen intensiven Dialog zu beginnen, der möglicherweise noch unbekannte Seiten in unserem Inneren öffnet.

 

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