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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Berthold.Grzywatz@gmx.de

 

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Berthold Grzywatz

„Höhlen gibt es in meinem Inneren“.

Vom Umgang mit dem Unbewussten in der Pandemie.

Ein skulpturaler Versuch

 

Der im Thema aktualisierte Gedanke des englischen Romantikers William Wordsworth will in zusprechender Weise die Macht des Unbewussten in der menschlichen Psyche umschreiben. Heute gehört es zum Allgemeingut psychischer Erkenntnis, dass das Unbewusste unser Verhalten und Handeln beeinflusst, ohne einer stets nachvollziehbaren Logik unterworfen zu sein. Wer war nicht verwundert, als in der heraufziehenden Pandemie das Horten um sich griff und plötzlich die banalsten Dinge nicht mehr greifbar waren.

 

In einem Werkzyklus, der sich auf einzelne plastische Werke, auf insgesamt sieben Arbeiten erstrecken soll, möchte ich mich mit den Mittel des Bildhauers dem Phänomen des Unbewussten in der pandemischen Krise mit den Mitteln des Bildhauers nähern. Selbstverständlich geht es nicht um einen Erklärungsversuch, sondern um ein bildliches Aufschließen, mit dem Ziel, die Dynamik des Unbewussten situativ zu reflektieren.

 

Der gewählte zentrale Werkstoff des Zyklus soll Holz sein. Bei der Formgebung wird einerseits die Beschaffenheit seiner natürlichen Oberflächen als Mittel eingesetzt, andererseits seine biomorphe Struktur im Wege der Verfremdung genutzt. Begleitender Werkstoff wird Metall (Stahl, Aluminium) sein; ebenso als Gerüstgeber und Basis wie in der Verschmelzung mit dem Material Holz durch eine vereinheitlichende Farbgebung.

 

Die Skulpturen werden unterschiedliche Größen haben: von der stark gegliederten Kleinplastik über das flächiger angelegte Mittelformat bis zur großformatigen Montage.

 

 

Berthold Grzywatz -  "Krise und Ich"

 

Gefördert durch den Landeskulturverband Schleswig-Holstein

 

Unter dem obigen Titel soll ein Zyklus von Arbeiten hergestellt werden, der sich mit Identitätsverlust und Orientierungsversuchen des Einzelnen in Zeiten der Pandemie aus-einandersetzt. Unsicherheit und Leitbildsuche stellen die Pole des Denkens und Handelns dar.

 

Die einzelnen Werke sollen auf der Materialgrundlage von Holz, Acrylat und Lack als plastische Modelle hergestellt werden. Im Sandgussverfahren werden dann die endgültigen Formen ausgeführt.

Projektiert sind fünfzehn Plastiken, die einen inhaltlichen Bogen spannen sollen, um das Krisenerlebnis nach innen und außen erfahrbar zu machen. die Werke haben unterschiedliche Größen zwischen 70 und 130 cm.

 

Thematisches Programm:

 

  1.   immer ich

  2.   gegen den wind

  3.   in die andere richtung

  4.   das unbekannte

  5.   aus dem gleichgewicht

  6.   Entstellung

  7.   Quarantäne

  8.   befangenheit

  9.   nur keine faxen

10.   anlauf

11.   linkskurve

12.   das urteil

13.   ohne leitbild

14.   gestrandet

15.   niemals ich 

Modelle in der Werkstatt - frontseitige Ansicht :

Modelle in der Werkstatt - rückseitige Ansicht:

Sämtliche Modelle wurden auf der Materialbasis von Holz unterschiedlicher Provenienz, Spachtelmasse, Acrylat und Lack hergestellt. In der dargestellten Form sind die Modelle für das Sandgussverfahren vorbereitet. Ob sich alle Modelle ohne weitere Eingriffe gießen lassen, muss in der Gießerei erörtert werden.

 

Berthold Grzywatz - Installation "6 G"

Gefördert durch den Landeskulturverband Schleswig-Holstein

 

 

„Installation 6 G“ – eine künstlerische Produktion, die das Problem der Defizite der Digitalisierung bildnerisch umzusetzen versuchen soll. Auf der Materialbasis von Aluminium und Exposidharz werden in runder Form geschnittene Metallelemente, die an die Wählscheiben früherer Telefonapparate erinnern sollen, zusammengefügt und die ausgesparten Flächen mit farblich unterschiedlichem Harz ausgegossen. Mit dieser Gestaltung sollen – durchaus ironisierend – die Beziehungen zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, zwischen Schein und Wirklichkeit in der Technik der menschlichen Kommunikation reflektiert werden.

Das Projekt wird in digitaler Fotografie aufgenommen, vielfach bearbeitet, und dann auf der Plattform der Galerie [ Der Lokschuppen ] der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

6 G - erster Entwurf, Ausgangsidee
Einzelteil - Aluminium, in sechsfacher Ausführung mit Wasserstrahl geschnitten,noch unbearbeitet
Ausführungsentwurf (Frontseite) - Aluminium zwischenzeitlich geschliffen und poliert
Ausführungsentwurf (Rückseite) - poliertes Aluminium
Ausführungsentwurf - noch ohne farbliche Kreisfüllungen

Der oben gezeigte Entwurf zeigt die endgültige Anordnung der Installation, die zunächst frei-schwebend im Raum hängen soll. Die Einzelteile müssen noch miteinander verschweißt werden, bevor sie in ihre endgültige Präsentationsform gebracht werden können. Vor der Ausführung dieser Arbeiten wird indessen noch ein farbiges Arrangement der ausgesparten Flächen herzustellen sein. Materialgrundlage ist farbiges Expoxidharz, mit dem die ausgewähl-ten Flächen ausgegossen werden. Auf diese Weise wird gleichsam eine Verbindung von Metall und "Glas" hergestellt. Die Installation soll damit in gewisser Weise "entmaterialisiert" werden. 

Berthold Grzywatz - Installationen für Schloss Gottorf (Entwürfe)

Installation für den Neuwerkgarten Schloss Gottorf (Entwurf)

 

Die Kuratoren Uta Kuhl und Ulrich Schneider besuchten die Galerie

[ Der Lokschuppen ]. Ihre Aufmerksamkeit galt den im Sandgussver-fahren hergestellten Me-allplastiken von Berthold Grzywatz.

 

Mit dem Besuch wollten sich die Mitarbeiter des Landesmuseums nicht nur einen Überblick über die plastischen Arbeiten von Berthold Grzywatz verschaffen, sondern auch in Erfahrung bringen, ob einzelne Werke für eine Aufstellung im Neuwerkgarten von Schloss Gottorf in Frage kämen.

 

Berthold Grzywatz hat im Anschluss auf der Grundlage seiner neuen Metallskulptur „INTERMEZZO“ Installationsentwürfe für den Neuwerkgarten angefertigt, die dem Landesmuseum überreicht wurden.

 

 

Berthold Grzywatz - Installationen für Schloss Gottorf
Schloss Gottorf - Installationen.pdf
PDF-Dokument [5.0 MB]

Berthold Grzywatz - Wald des Friedens - Wood of Peace

Öffentliches Installationsprojekt

 

Modell der projektierten Installation "Wald des Friedens" (8 x 6 m)

 

 

Berthold Grzywatz - Wald des Friedens - Wood of Peace - Projektdarstellung
Wald des Friedens - Projektdarstellung-A[...]
PDF-Dokument [8.5 MB]
Skulpturen (Edelstahl) im Stelenfeld

 

Das Projekt einer räumlich größer angelegten Installation setzt sich thematisch mit der Problematik des Friedens auseinander, nicht in Form von Gedächtnis und Gedenken, sondern in der Vermittlung von Geschichte und Wirklichkeit, in der Orientierung von Geschichts- und Handlungsbewusstsein. Es soll ein Raum der Reflexion konstituiert werden, in dem der Friede als unverbrüchlicher Bestandteil eines humanen Seins und dessen gerechte Ordnung als Leitmotiv des menschlichen Handelns erfahrbar wird.

 

 

Historische Anmerkungen zur Installation „Wald des Friedens“

 

Die anvisierte Realisierung des Projekts im Jahre 2018 verbindet sich mit einem historischen Datum: Im November dieses Jahres jährt sich zum hundertsten Mal das Ende des Ersten Weltkriegs, den der amerikanische Diplomat George F. Kennan als „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ begriff. Das europäische Staatensystem der damaligen Vorkriegszeit wurde vom Souveränitätsprinzip getragen, das den Krieg als Mittel der Politik ebenso einschloss wie es das Risiko seiner Wahrscheinlichkeit in Kauf nahm. Es fehlte am Willen die Folgen eines Krieges mit der notwendigen Umsicht zu erwägen und daraus die politischen Konsequenzen zu ziehen, d. h. den Frieden zum nicht umkehrbaren Leitmotiv des Handelns zu machen.

 

Die verbreitete Indifferenz gegenüber der Gewalt wurde durch ein Denken befördert, dass den Krieg als grundlegenden Bestandteil des Menschseins begriff, da er vermeintlich der Degeneration vorgriff. Es nimmt nicht Wunder, wenn die europäischen Nationen im August 1914 eine literarische Mobilmachung erlebten. Der deutsche Expressionist Georg Heym klagte schon im Spätsommer 1911 über die banale Zeit, die seinen Enthusiasmus brachliegen ließ, und er hoffte „wenigstens auf einen Krieg“.

 

Nach dem Ausbruch des Krieges wurde der Pazifismus als „gefährliche Friedensschwärmerei“ diffamiert, die auf eine „Entmannung der Völker“ gerichtet war. Die friedliche, wenn auch krisenreiche Vorkriegszeit setzte man mit Erschlaffung, Knechtung, Kranksein und Sittenverfall gleich, während der Krieg als „gesandtes Heil“ begrüßt wurde, das Erlösung, Reinigung, Erhebung und innere Einheit versprach. Es ist, trotz der durchaus vorhandenen Vorbehalte kritisch Distanzierter, von einem beispiellosen Versagen der europäischen Intellektuellen zu sprechen. 

Seitlicher Einblick

Mit dem Krieg ging dessen Ideologisierung einher. Gewalt und Hass wurde als nationaler Existenzkampf und zivilisatorische Abwehr vermittelt. Was die europäische Öffentlichkeit dann aber erfuhr, waren nicht nur die bis dahin unbekannten Formen der Zerstörung, sondern auch eine Industrialisierung der Gewalt und eine Totalisierung des Krieges. Die Wirkungen der technisch-industriellen Zivilisation verwischten die Grenze zwischen militärischem Geschehen und zivilem Leben, der Krieg verlangte eine umfassende Mobilmachung aller gesellschaftlichen Kräfte.

 

Das Grauen der Kriegserfahrungen förderte schon in den letzten Kriegsjahren einen neuen Pazifismus, doch die Forderung des „Nie-Wieder-Krieg“ verblasste rasch angesichts einer europäischen Friedensordnung, die nicht von den Motiven der Versöhnung und des internationalen Ausgleichs getragen wurde. Im Grunde genommen wirkte die Kriegsmentalität nach. Die Teilung Europas in Sieger und Besiegte und die daraus erwachsende ständige Bedrohung des Friedens konnte auch nicht durch die Einrichtung des Völkerbunds ausgeglichen werden. Seiner Aufgabe als konfliktregulierendes Parlament der Nationen sowie als Organ der kollektiven Sicherheit und Abrüstung war diese Institution schon in seiner Anlage nicht gewachsen. Der Völkerbund wurde zum Forum der europäischen Großmächte und ihrer nationalen Interessen.

 

Die Fehlkonstruktion der Friedensordnung steigerte das während des Krieges ohnehin schon erreichte hohe Maß des Nationalismus nochmals und radikalisierte sich zusehends durch die Integration rassistischer Ideologien. Vor allem das nationalsozialistische Deutschland zeigte sich kriegsentschlossen, nicht zum Gewinn einer mitteleuropäischen Hegemonie, die selbst den konservativen Eliten nicht mehr genug war, sondern zur Verwirklichung der rassischen Utopie großgermanischer Herrschaft. Die Triebkraft des Rassischen unterschied den Ersten vom Zweiten Weltkrieg, mit dem die nationalsozialistische Diktatur das alte Europa zerstörte und, wie Friedrich Meinecke umschrieb, die „deutsche Katastrophe“ herbeiführte. Der japanische Nationalismus scheiterte zur gleichen Zeit an seinem imperialistischen Versuch einer „Neuordnung“ Ostasiens.

 

Nach der Erfahrung zweier Weltkriege gehörten die Aufgaben einer Weltfriedensordnung und einer dauerhaften Friedenssicherung, deren Grundlage nur eine allgemeine Abrüstung und ein kollektives Sicherheitssystem mit dem Gebot des Gewaltverzichts sein konnte, zu den politischen Zielen der alliierten Mächte. Die organisatorische Basis der Friedensordnung sollte wiederum ein internationaler Staatenbund sein, dem freilich von Beginn an die Großmächte und mit der Zeit sämtliche Staaten angehören mussten. Dieses universale Prinzip ist heute in der 1945 gegründeten Organisation der Vereinten Nationen weitgehend erreicht worden.

 

Der Friedensbegriff der Weltorganisation begnügte sich schon zu Anfang nicht mit der tradierten Negativdefinition von Frieden, indem der Weltfrieden und die internationale Sicherheit auf der Grundlage der Gleichberechtigung und Selbstbestimmung der Völker, der internationalen Zusammenarbeit im Hinblick auf sozioökonomische, kulturelle und humanitäre Probleme, der Achtung der Menschenrechte und Grundfreiheiten sowie eines allgemeinen Gewaltverbots gewahrt werden sollte. Allerdings wurde das Souveränitätsprinzip nicht aufgegeben, überdies verfügte die Institution über keine eigenständigen exekutiven Mittel. Die Vereinten Nationen waren mithin ebenso weit davon entfernt, eine rechtliche und politische Einrichtung mit einem Gewaltmonopol zu sein, wie es den Mitgliedern über die einzelnen Nationalismen hinaus an einem Gemeinschaftsbewusstsein mangelte, das auf der Anerkennung eines gemeinsamen Rechts beruhte.

Seitlicher Einblick von Süden

 

Eine aktive Friedenspolitik, die Zwangsmaßnahmen einschloss (peace enforcement), ließ sich in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg nie realisieren. Die Interessenkonflikte zwischen den Großmächten bzw. den Mitgliedern des Sicherheitsrates der Vereinten Nationen verhinderten ein gemeinsames Handeln. Der Gegensatz zwischen den westlichen Demokratien und den östlichen kommunistischen Diktaturen sowie die Blockbildung in feindliche Militärbündnisse blockierten eine allgemeine Befriedung der Welt. Zwar unterband das Wettrüsten zwischen den USA und der Sowjetunion, insbesondere der Auf- und Ausbau der atomaren Bewaffnung, eine militärische Konfrontation der Weltmächte, die ohne Frage den Charakter eines neuen Weltkrieges angenommen hätte, aber zwischenstaatliche Kriege, ethnische Konflikte und Bürgerkriege gehörten und gehören zum politischen Alltag des ausgehenden 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts. Die Entspannungs- und Abrüstungsbemühungen zwischen den USA und der ehemaligen Sowjetunion  bzw. Russland führten zur Reduktion der atomaren Waffenarsenale, die atomare Abschreckungspolitik wurde dadurch freilich nicht aufgehoben. Zudem bleiben die atomaren Rüstungsanstrengungen von autoritären bzw. diktatorischen Regimen wie dem Iran und der Volksrepublik Nordkorea entweder nur bedingt oder gar nicht kontrollierbar.

 

In der multipolaren Welt der Gegenwart lassen sich bei der konventionellen Rüstung expansive Strategien beobachten. Die Ausgaben für konventionelle Waffen wie etwa Raketen und Kampfflugzeuge nehmen seit der Jahrtausendwende kontinuierlich zu, deren Hintergrund bilden sowohl regionale Machtkonflikte wie im Nahen Osten und Afrika als auch Auf-rüstungsanstrengungen solcher Schwellenländer wie China und Indien. Die Hersteller dieser Waffen sind mehrheitlich westliche Industrieländer, allen voran die USA, Deutschland und Frankreich, aber auch Russland. Angesichts anhaltender sozialer Armut bzw. des Ungleichgewichts zwischen reichen und armen Ländern, der Unterdrückung von Minderheiten sowie dem gewaltsamen Austragen von nationalen und ideologischen Konflikten erscheint der Frieden heute jenseits aller politischen Realität zu sein.

Einzelne Skulptur im Stelenfeld

 

Das Installationsprojekt wurde dem Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur des Landes Schleswig-Holstein bzw. der zuständigen Ministerin Karin Prien vorgestellt. Eine Installation auf den fördeseitigen Freiflächen des Kieler Landtagsgebäudes ließ sich nicht realisieren, da für diese Flächen keine Dauerinstallationen vorgesehen sind. Von Seiten des Ministeriums wurde eine mögliche Realisierung des Projekts als "Kunst im öffentlichen Raum" in der Region vorgeschlagen.

In Zusammenarbeit mit dem Kreiskulturbeauftragten wurde die Freifläche vor dem Kreishaus des Kreises Rendsburg-Eckernförde in Rendsburg ausgewählt, da das Kunstwerk nicht nur einen angemessenen Ort der Präsentation benötigt, sondern als Ort des Nachdenkens über die Gefahren des Friedensverlustes bzw. seiner Wahrung zwischen den Polen Sicherung und Gefährdung auch an einen kommunikativen öffentlichen Raum gebunden sein soll. Die axiale Bindung zwischen dem Kreishaus und dem Jüdischem Museum Rendsburgs ist ein weiterer wichtiger Aspekt der Verortung des Kunstwerks.

Für die Realisierung des Projektes sind Mittel des Landes Schleswig-Holstein, des Kreises Rendsburg-Eckernförde, der Stadt Rendsburg und der Sparkassenstiftung Schleswig-Holstein beantragt.

 

 

Berthold Grzywatz

Linear - Nichtlinear - Linearität - Nichtlinearität

Prolegomena zu einer Ausstellung

 

System und Ordnung 31

Der Gedanke der Linie soll hier unter den Aspekten von Verbindung, Beziehung und System in der Polarität von linear und nichtlinear bzw. Linearität und Nichtlinearität aufgenommen werden. Mit dem Bezug auf diesen Gegensatz ist die Vorstellung verbunden, dass die einzelne Linie selbst, solange sie ohne Verbindung ist, solange sie nicht in Beziehung zu ande-ren Dingen tritt oder in Systeme eingebracht wird, ein Nichts bleibt. Der schnell hingeworfene Strich auf einem Blatt Papier, der gezogene Strich auf einer leeren Tafel oder die endlose, vielleicht sogar organisch bewegte Linie, sind ebenso bedeutungslos oder, anders ausgedrückt, seelenlos wie massenhaft vervielfältigte Raster, die unser alltägliches Leben in nicht überschaubaren Formen begleiten. Korrespondiert die zufällig hingeworfene Linie unterdessen auf einem Blatt Papier mit einem Punkt, einem Fleck oder selbst schon mit den mechanischen Verformungen des Werkstoffs, unabhängig, ob gewollt oder lediglich objektbedingt, verbindet sich der Strich mit einem speziellen Material oder Formen in der Fläche, so dass er möglicherweise über die Zweidimensionalität hinaus räumliche Statur gewinnt.

 

Die Linie ist nicht nur ein singuläres ästhetisches Phänomen, sondern als Bestandteil von Netzen ist sie auch ein systemstrukturelles Element, das in seiner Vielschichtigkeit nahezu sämtliche Bereiche unserer Lebenswelten durchdringt. Denken wir nur an ein Wirtschaftsgut, dessen Wertverlust nach der Anschaffung betriebswirtschaftlich bei der Berechnung des Unternehmensgewinns berück-sichtigt werden muss. Zur Bewältigung dieses Problems arbeitet man mit dem Prinzip der Abschreibung, deren Methoden linear oder degressiv gestaltet werden können. Bei der Beschreibung physikalischer Phänomene begegnen uns lineare und nichtlineare Theorien. Im Allgemeinen wird davon ausgegangen, dass die Erscheinungen der Praxis nicht linear strukturiert sind. Einerlei, ob wir die Natur beobachten oder ob wir uns der Analyse von Gesellschaft, Politik und Ökonomie zuwenden, lineare Gleichgewichtszustände bilden eher die Ausnahme, während Strukturbrüche, Turbulenzen, Instabilitäten und Übergänge geradezu regelhaft auftreten, unter Umständen Bedingung für Entwicklung sind.

System und Ordnung 7

Die Ausbreitung des Internets konfrontiert uns mit neuen medialen Delinearisie-rungstendenzen. So ist stellt sich etwa die Online-Zeitung multimedial, interaktiv und virtuell dar, zur gleichen Zeit wird sie nichtlinear organisiert, indem sie die autorenbestimmte Rezeption durch eine nutzerbestimmte ablöst. Der Leser kann die hypertextuellen Strukturen dieses Mediums nutzen, um autonom und nicht zuletzt unabhängig von Raum-Zeit-Mustern Informationen einzuholen und zu kommunizieren oder um sich zu orientieren. Digitale Literatur schließlich eröffnet die Möglichkeit des Verkoppelns von Texten, der nicht-sequentiellen Anordnung von sprachlichen Einheiten, seien sie nun hierarchisch oder nichthierarchisch angelegt.

 

Wenn Nichtlinearität unter systemtheoretischen Aspekten gleichsam eine Metastruktur generiert, so ist diese allerdings nicht von linearen Entwicklungen abgelöst. Die individuelle Alltäglichkeit ebenso wie der Prozess des Gesellschaftlichen, des Ökonomischen und Politischen unterliegen den linearen Rhythmen eines Ordnungsgefüges, das fortwährend gleichförmigen Schwingungen unterworfen ist. Man mag an einen Kreislauf denken, der alles vereinnahmt hat und sich gesetzmäßig in vorgegebenen Bahnen bewegt. Gleichwohl folgt nicht jeder Impuls einem linearen Muster. Die regelhafte Ordnung muss Dissonanzen ertragen, Verzerrungen hinnehmen, Übersteuerungen aushalten; Modulationen und Kombinationen sind in den Systemen schließlich unvermeidbar.

System und Ordnung 30

Im Zusammenhang des Miteinanders von Linearem und Nichtlinearem stellt die einzelne isolierte Linie vielleicht ein Paradox dar, da sie unterschiedlichen Systemen dienen kann und dient. Möglicherweise müssen wir ihre Realität überhaupt anzweifeln. Denken wir noch einmal an die lineare Abschreibung eines angeschaffenen Wirtschaftsgutes. Der zeitliche Abschreibungsmodus folgt einem willkürlich festgelegten Muster, an dessen Ende das Objekt selbst ohne Wert ist, obgleich es weiterhin existiert und in Gebrauch genommen werden kann. Die Linien dieses Systems sind also lediglich gedankliche Konstruktionen – oder liegen wir in diesem Fall nur begrifflichen Problemen auf, d. h. dem Missachten der verschiedenen Bereiche, denen die Begriffe entnommen sind?

 

Der widersprüchliche Charakter der Linie wird auch kulturgeschichtlich deutlich, indem sie als ein Symbol des Bindens und Lösens überliefert ist. Unabhängig von der einzelnen Form, sei es nun das Band oder Seil, oder sei es die Schnur, die Kette oder der Faden, kommt der Linie eine ambivalente Bedeutung zu, denn sie verkörpert sowohl das Bindende und Begrenzende als auch die Unbegrenztheit der Entfaltung und Freiheit. Dem Menschen kann sie die Möglichkeit immerwährenden Fortschreitens eröffnen oder die Fesselung an die eigene existentielle Situation verdeutlichen. Nimmt die Linie die Form einer Spirale an, wird auf Prozesse des Ausdehnens und Zusammenziehens hingewiesen, werden Wachstum und Expansion, Tod und Kontraktion, Kontinuität und Diskontinuität repräsentiert.

 

Über die Symbolik von Linearität und Nichtlinearität gelangen wir mithin zum Menschen und seiner Geschichtlichkeit. Dieser sieht sich stets in eine konkrete Situation hineingestellt, die ihm aus seiner Sicht ebenso linear wie nichtlinear gegenübertritt: Er sucht zu gestalten, aber immer im Bewusstsein, das sein Handeln durch das Geschehen bestimmt ist. Er selbst hat sich als vernunft- und triebgeleitetes Subjekt kennengelernt, zugleich hat er jedoch einsehen müssen, dass sein Verhältnis zu sich selbst ebenso durch die Beziehungen zu den Mitmenschen wie durch die vorgefundene Situation bestimmt ist. Die Orientierung des Ichs, seine Selbstverwirklichung, ist, obwohl die Selbstvermittlung von jeher als Teil seines Handelns erscheint, nicht durch den Selbstbezug zu klären bzw. zu eröffnen.

 

In seinem Handeln muss der Einzelne folglich aushalten, dass er nicht von außen her über seiner geschichtlichen Situation steht, sondern dass er an sie gebunden bleibt. Das faktische Geschehen ist freilich nicht schicksalhaft hinzunehmen, vielmehr unterliegt es dem Ich in seinem Handeln bewusst abzuwägen und angesichts der in der Realität gegebenen Möglichkeiten linear oder nichtlinear zu antworten.

System und Ordnung 32

Das im Sinne einer Seinsdialektik angesprochene Verhältnis von Linearität und Nichtlinearität begegnet uns in der komparativen Kunstwissenschaft mit der polaren Begrifflichkeit von linear und malerisch wieder. Die zunächst auf die formale Analyse eines Werkes gerichteten Begriffe erschöpfen sich derweil nicht in dieser Zielsetzung, da sie gleichfalls zwischen Werk und Welt zu vermitteln suchen, indem sie das Interesse am Sein in seinen unterschiedlichen Erscheinungsformen erfahrbar machen möchten. Damit tritt aber nicht nur das allgemein Gesellschaftliche, sondern auch der einzelne Künstler und der künstlerische Prozess wieder in den Blick. Der Auftakt zum Werk, die Idee, das Suchen, Erkennen und Probieren, das Entwickeln, Umsetzen und Verfestigen, unterliegen noch stets einem nichtlinearen Geschehen, während die Ausführung des Werkes in den einzelnen Phasen der Gestaltung mit der Entscheidung für Formen und Verfahren eher linearen Mustern folgen. Doch gilt in dieser Hinsicht, was bereits unter systemtheoretischen Aspekten vermerkt worden ist: Der Prozess vollzieht sich nicht in einer strikten Dichotomie, vielmehr sind beide Aspekte miteinander verwoben und insofern nicht in jeder Phase der künstlerischen Gestaltung eindeutig voneinander abzugrenzen.

 

Die hier vorgestellten Werke entfernen sich von eindeutigen Form-Inhalt-Relationen; sie verweigern sich ebenso festen formalen Ordnungen wie inhaltlichen Stereotypen. Es werden vielmehr ästhetische Spielräume erkundet, indem die spezifischen Eigenheiten der eingesetzten Materialien sowie ihre Gegensätze auszuloten sind. Die Arbeiten folgen Formprinzipien, die einerseits dem Auflösen der Fläche andererseits der Schwere der Masse Raum geben. Dieses Spannungsverhältnis wird durch differierende Oberflächenbehandlungen und konstruktive Gegensätze weiter vertieft. Wenn sich daraus Kompositionen mit kontrastreichen Wechselspielen von Materialien und Formen ergeben, so eröffnen sich Assoziationen auf lineares und nichtlineares Geschehen, das gleichsam die menschliche Existenz fundiert. Form und Inhalt bleiben indes offen, fügen sich einem eher freien Verknüpfen unterschiedlicher Vorstellungen ein.

Verbindungen 51

Die Linie oder Linearität als Gestaltungsmoment stellt ein grundlegendes Faktum der Werke dar. Sei es nun, dass sie in serieller Anordnung zum Auflösen von Flächen genutzt wird, oder sei es, dass sie die Masse des Materials au-fbricht, dynamisiert sowie rhythmisiert. Mitunter gerät die Fläche durch Raster sich überschneiden-der oder konträr angeord-neter Linien geradezu in Bewegung, während gleichzeitig unregelmäßige Linien dazu dienen, einzelne Flächenteile aus der Gesamtmasse des Materials zu heben. Auf diese Weise wird dem flächigen Objekt eine nichtlineare, ins Räumliche tendierende Struktur verliehen. Das Nebeneinander von seriellen Liniennetzen, unregelmäßigen Linienmustern  sowie unberührten, häufig polierten Flächen und plastischen Elementen lässt das skulpturale Objekt dennoch nicht zerfallen, indem eine sich in der Unregelmäßigkeit behauptende Einheit geschaffen wird. Dem räumlichen Körper überhaupt wird eine fragmentarische Qualität verliehen und das Fragmentarische zugleich zum immanenten Gestaltungsprinzip gemacht.

 

Gleichzeitig findet die Linie in ihrer Fähigkeit Anwendung, plastischen Gegenständen mehr oder weniger feste Konturen zu verleihen, indem auf planen oder auf gewölbten Flächen, die durch Satinierung und Polierung einen hochglänzenden Charakter erhalten haben, Umrisse evoziert werden. Der Gegensatz von linear und nichtlinear lässt sich somit in der quasi beruhigten Fläche erhalten. Den inhaltlichen Assoziationen dürften mit diesen Verfahren mannigfaltige Anlässe zu differierenden Lesarten gegeben werden.

 

In der Fotografie zeigt sich die Linie  nicht minder deutlich als strukturierendes Element. Unter dem Gedanken von „System und Verbindung“ werden in der Regel industriell gefertigte Objekte fokussiert, die durch Reduktion und Detaillierung des Ausschnitts den Zugang zu räumlichen und zeitlichen Orientierungen versperren. Vereinfachung und Vereinzelung sind Mittel der Verfremdung, mit denen die fotografischen Objekte ihrer unmittelbaren Realität entrissen werden. Mit dem Verlust des Kontextes sollen neue Relationen erschlossen, Welt und Wirklichkeit strukturell anderen Blickweisen geöffnet werden.

Verbindungen 29

Schrauben und Muttern sind als Objekte stets Bestandteile von Ordnungen oder sie sind tragende Elemente von Systemen. Das Herstellen von Verbindungen beinhaltet ihre wesentliche Funktion, wobei jede Verbindung eine Ordnung eruieren kann, während sie in der seriellen Anordnung Systeme zur Entfaltung bringen. Die Objekte können Netze aufbauen, indem sie ihre Kräfte in Reihen, Über- und Unter-ordnungen  summieren. Die produzierten Systeme unterliegen einem zeitlichen Kontinuum, das in der Regel geplant wird, sich aber dennoch durch die Vielfalt der einwirkenden Faktoren eine Offenheit bewahrt.

 

Die fotografische Reduktion erschließt Linien in den unterschiedlichsten Formen: hier horizontal und vertikal, dort ansteigend und abfallend, bisweilen sich kreuzend. Die Linie findet sich in geometrischen Figuren wie Kreis, Rechteck, Rhombus, Ellipse Trapez oder Triangel sowie in ihren abgewandelten Formen wieder. Zudem begegnen sich in den Objekten regelmäßig geometrische Figuren und Linien. Der hexagonale Körper zeigt innenwandig spiralförmig angelegte Linien, der zylindrische Körper zeigt wechselnde Anordnungen von spiraligen Windungen und geglätteten Flächen.

 

Systeme und Verbindungen unterliegen linearen Prozessen und bringen im Allgemeinen lineare Ordnungen hervor. Die Bedingungen dieser Ordnungen unterliegen im Kontext von Umwelt und Gesellschaft jedoch den unterschiedlichsten Einflüssen, so dass nichtlineare Momente ihre Eigenständigkeit ständig in Frage stellen. Die ausgewählten Objekte können also Symbol für die immanente Instabilität jedes Systems sein, das auf Totalität ausgerichtet ist. Die Handlungsfähigkeit des Menschen bzw. die Notwendigkeit seines Handelns sollte nicht vor der Komplexität der Welt scheitern oder vor der Übermacht vermeintlicher Systemzwänge resignieren.

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