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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Berthold Grzywatz

Dekomposition. Skulptur, Plastik und Fotografie.

 

Einzelausstellung. Museum der Stadt Bad Hersfeld - Galerie im Sift, 2016

 

Vor der Eröffnung
Between Form And Formlessness No. 1

 

Berthold Grzywatz

 

Zwischen Forum und Formlosigkeit

 

Der Titel „Dekomposition“ für meine Ausstellung mag auf den ersten Blick etwas sperrig klingen und angesichts materialreicher Werke Fragen aufwerfen. Kann man vor diesem Hintergrund von Auflösung oder, wenn man noch weiter gehen will, gar von Verfall oder Zerstörung sprechen? Nun, auf diese Fragen muss in mehrfacher Hinsicht geantwortet werden:

 

Wenden wir uns der gegenwärtigen Wirklichkeit zu, können wir nicht umhin festzustellen, dass diese nicht mehr als Einheit oder als Ganzes zu erfahren ist. Der stete Wandel lässt es nicht zu, dass wir unsere Welt als unverbrüchliche Ordnung wahrnehmen können. Wir müssen vielmehr anerkennen, dass die Wirklichkeit durch eine Vielfalt gegensätzlicher Strukturen charakterisiert und insofern nur als Geschehenszusammenhang zu verstehen ist.

 

Vor dem Hintergrund dieser Einsicht können wir die Auflösung als ein grundlegendes Element einer komplexen Welt erkennen, in der das Fragment nicht nur allgegenwärtig, sondern auch als Form gesellschaftlicher und individueller Existenz zu begreifen ist. Denken wir nur, um ein Beispiel aus dem Alltagsleben aufzugreifen, an die Fragmentierung familiärer Beziehungen, die selbst der Kleingruppe den verlässlichen Rahmen eines Ganzen nimmt, unter Umständen nicht einmal identitätsstiftend wirken kann.

Möglicherweise nehmen wir die Wirklichkeit aber auch insofern als Fragment wahr, weil ihr Zustand durch Defizite geprägt wird. Das Fragment fordert in diesem Fall zum Handeln auf, verlangt Eingriffe in der Hoffnung auf zukunftssichernde Lösungen.

 

Ästhetisch fesselt am Fragment die Eigenschaft des Übergangs: In der Auflösung entwickelt sich eine Spannung zwischen Form und Formlosigkeit, mithin eine Brückenlage, die sich durch Ambivalenz auszeichnet. Das Aufgelöste oder sich in Auflösung Befindliche stellt sich als Variation des vormals Vorhandenen dar. Es kann Individualität gewinnen, indem es eine autonome Form annimmt.

 

In meiner objektbezogenen Fotografie, die sich mit Prozessen der Korrosion oder, allgemeiner ausgedrückt, mit der Vergänglichkeit des Materials auseinandersetzt, wird der fragmentarische Charakter der Dinge unmittelbar sichtbar. Die Zersetzung zeigt sich in ihrer Prozesshaftigkeit oder sie gibt sich als Ergebnis zu erkennen. In jedem Fall wird die Dekomposition zum Instrument des Neuen, da sie sich vom ursprünglichen Kontext befreit und im angenommenen Zustand eine selbständige Qualität findet.

 

Technisch gesehen, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, richtet sich der Blick des Fotografen nie auf das Ganze, da es ohnehin verloren ist und durch eine objektiv anmutende Abbildung auch nicht suggeriert werden soll. Es bleibt also nur der Zugriff auf das Detail, auf den bewussten Umgang mit dem Ausschnitt, der gleichwohl über die Sache selbst bzw. das Objekt hinausweist.

 

Im Hinblick auf meine skulpturalen oder plastischen Arbeiten erfordert das Erleben der Dekomposition ein komplexeres Sehen. Sie wird sowohl in die Bearbeitungsweise des Materials als auch in die Wahl der Materialien eingebettet. Es ist die Suche nach der offenen Form, die vom Kontrast zwischen Materialität und Linearität, vom Gegensatz in den Flächenstrukturen lebt. Der geschlossenen Körper wird gleichsam aufgebrochen, er erhält eine dekompositorische Struktur. Neben den Eingriff tritt sodann die Beziehung, d. h. die Rhythmisierung und Dynamisierung des Raums durch die Spannung zwischen bruchhafter Materialität und bewegter Linie.

 

Der Einsatz der Farbe, insbesondere von Lacken mit Metalleffekt, dient dabei der Abstraktion oder, um einen anderen Begriff zu nutzen, der Entfremdung – der Entfremdung vom ursprünglichen Zusammenhang; sie bricht dem Neugeschaffenen in nachhaltiger Weise Bahn.

 

Die Dekomposition als Gestaltungsprinzip nutzt die Möglichkeiten der Auflösung als Formen der Variation, um Übergänge zu etwas Neuem, zu etwas Eigenem zu erarbeiten. Im Ensemble der Materialien, ihren Formen, Beziehungen und Verhältnissen wird schließlich das Dekompositorische überwunden, indem es in der Komposition, dem Gestalteten, mündet.

 

Bei meinen Metallplastiken, die in der Regel im Sandgussverfahren hergestellt werden und als Material Aluminium bevorzugen, verfolge ich ein Arbeitsprinzip, das man als duales Verfahren bezeichnen könnte. Schon im Modell werden unterschiedliche Strukturen angelegt zwischen rauen, mitunter naturbelassenen, Texturen und geglätteten bzw. polierten Teilen, bewegt durch eine klare Linienführung.

 

Nach dem Guss erfolgen konzentrierte Arbeitsschritte, um den Charakter der Dualität zu intensivieren: Den Bruchlinien der einen Seite treten die hochpolierten Flächen der anderen Seite gegenüber. In ihrem Wechselspiel sollen sie die Dynamik des Materials potenzieren. In der Dualität des Werkes erscheint das einzelne Element sowohl in seiner eigenen Beschaffenheit als auch in Beziehung zu anderen Elementen als Fragment. Wenn ich beim Beispiel der Metallplastik verbleibe, erscheint der kontrastierende Charakter im unterschiedlichen Verhältnis der Seiten. Im Zusammenwirken der Teile gewinnt das Fragment jedoch eine eigenständige Form, die sich in einem neuen Kontext entfaltet.

 

Wenn ich unter diesen Gesichtspunkten zum Ausgangsgedanken meiner Ausführungen zurückkehre, nämlich zur Erfahrung der Wirklichkeit als Geschehenszusammenhang, die für uns nicht mehr eine unmittelbar greifbare Gegebenheit darstellt, dann wird mit dem Werkprinzip der Dualität der Versuch unternommen, eine Dialektik zu visualisieren, die als solche auf die gesellschaftliche Existenz des Menschen verweist. In der Dualität der Plastik zeigt sich gleichsam die Dualität des Menschen in seinem widersprüchlichen Sein zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Das auf dem Wege der Dekomposition gegründete Fragment kann darüber hinaus zum Symbol des Verhältnisses von Gelingen und Scheitern menschlichen Handelns werden. Gegenüber einer Realität, die uns den Blick für das Ganze verwehrt, wird uns die Verpflichtung ethisch gebundenen Handelns nicht abgenommen, unabhängig von der Gewissheit seines Gelingens.

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung "Dekomposition" im Museum der Stadt Bad Hersfeld - Galerie im Stift.

 

Between Form And Formlessness No. 2
Between Form And Formlessness No. 3

Berthold Grzywatz

Between Form And Formlessness


At first glance, the title "Decomposition" for my exhibition may sound a little unwieldy and raise questions in view of the material-rich works. Against this background, can one speak of dissolution or, if one wants to go even further, even of decay or destruction? Well, these questions must be answered in several ways:
If we turn to the present reality, we cannot help but notice that it can no longer be experienced as a unity or as a whole. Constant change does not allow us to perceive our world as an unbreakable order. Rather, we have to recognise that reality is characterised by a variety of opposing structures and can thus only be understood as a context of events.
Against the background of this insight, we can recognise dissolution as a fundamental element of a complex world in which the fragment is not only omnipresent but also to be understood as a form of social and individual existence. Let's just think, to take an example from everyday life, of the fragmentation of family relationships, which deprives even the small group of the reliable framework of a whole, and may not even have an identity-forming effect.

It is also possible that we perceive reality as a fragment because its condition is characterised by deficits. In this case, the fragment calls for action, demands intervention in the hope of future-proof solutions.
Aesthetically, the fragment is captivated by the quality of transition: in dissolution, a tension develops between form and formlessness, thus a bridging position that is characterised by ambivalence. What has been dissolved or is in the process of dissolution presents itself as a variation of what was there before. It can gain individuality by taking on an autonomous form.
In my object-related photography, which deals with processes of corrosion or, more generally, with the transience of the material, the fragmentary character of things becomes immediately visible. The decomposition shows itself in its processuality or it reveals itself as a result. In any case, decomposition becomes an instrument of the new, as it frees itself from the original context and finds an independent quality in the assumed state.
Technically speaking, and this should not go unmentioned here, the photographer's gaze is never directed at the whole, since it is lost anyway and should not be suggested by an objective-looking image. So all that remains is access to the detail, to the conscious handling of the detail, which nevertheless points beyond the thing itself or the object.

In terms of my sculptural or plastic work, experiencing decomposition requires a more complex way of seeing. It is embedded in the way the material is worked as well as in the choice of materials. It is the search for the open form, which lives from the contrast between materiality and linearity, from the contrast in the surface structures. The closed body is broken up, as it were, and given a decompositional structure. Next to the intervention comes the relationship, i.e. the rhythmisation and dynamisation of the space through the tension between fractured materiality and moving line.
The use of colour, especially paints with a metallic effect, serves abstraction or, to use another term, alienation - alienation from the original context; it breaks through the newly created in a lasting way.
Decomposition as a principle of design uses the possibilities of dissolution as forms of variation to work out transitions to something new, something of its own. In the ensemble of materials, their forms, relationships and proportions, the decompositional is finally overcome by culminating in the composition, the designed.

In my metal sculptures, which are usually produced using the sand casting process and prefer aluminium as the material, I follow a working principle that could be described as a dual process. Already in the model, different structures are created between rough, sometimes natural, textures and smoothed or polished parts, moved by a clear line management.
After casting, concentrated steps are taken to intensify the character of duality: The fracture lines of one side are juxtaposed with the highly polished surfaces of the other. In their interplay, they are intended to intensify the dynamics of the material. In the duality of the work, the individual element appears as a fragment both in its own nature and in relation to other elements. If I stay with the example of the metal sculpture, the contrasting character appears in the different relationship of the sides. In the interaction of the parts, however, the fragment gains an independent form that unfolds in a new context.
If, from these points of view, I return to the initial idea of my remarks, namely to the experience of reality as a context of events that no longer represents an immediately tangible given for us, then with the work principle of duality the attempt is made to visualise a dialectic that as such refers to the social existence of man. In the duality of the sculpture, as it were, the duality of man is revealed in his contradictory existence between self-determination and heteronomy. The fragment, founded on the path of decomposition, can furthermore become a symbol of the relationship between success and failure of human action. In the face of a reality that prevents us from seeing the whole, we are not relieved of the obligation of ethically bound action, regardless of the certainty of its success.

 

Between Form And Formlessness No. 4
Between Form And Formlessness No. 5
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