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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Der Beginn des Schreibens

 

 

Wenn die flüssig laufende Tinte getrocknet ist,

Wenn Trojaner das Schreibprogramm blockieren,

Wenn die herrschende Meinung ohne Zweifel ist,

Wenn abweichende Ideen nur als Störung erscheinen,

Wenn die Kritik der Selbstzensur unterworfen wird,

Wenn Meisterdenker den Diskurs diktieren,

Wenn Ideologien das Leben zum Baukasten machen,

Wenn die Kunst sich normierter Programmatik unterordnet,

Wenn das Gebet die guten Werke vergessen lässt,

Wenn die Politik sich in Ordnungstätigkeit erschöpft,

Wenn der Austausch allein von Gier bestimmt ist,

Wenn Hunger ohne jegliche Regung bleibt,

Wenn die Zahl der Schlafgänger in den Asylen wächst,

Wenn Leistung keine gesellschaftliche Bindung besitzt,

Wenn Kinder in Sozialagenturen dressiert werden,

Wenn Fragen als unbequem verschrien sind,

Wenn Zuhören durch chirurgische Sektion abhanden gekommen ist,

Wenn das Wahrnehmen des Fremden Furcht verursacht,

Wenn Beziehungen zu Verwahranstalten verkümmern,

Wenn Freundschaften in der Ödnis von Konventionen zerbrechen,

Wenn die Isolation ein selbstgewähltes Gefängnis darstellt,

Wenn die Wüste als allgemeine Lebensform hingenommen wird,

Wenn Gewalt in verschwiegenen Gemächern tobt

Und auf großer Bühne die Maske der Anonymität aufsetzt

Und Hilfe in den Irrgärten blumiger Diplomatie erstickt,

Wenn das Lachen berufenen Impulsgebern gehört,

Wenn Träume an Gewohnheiten scheitern,

Wenn das Ich an seinen Lasten zerbricht,

Wenn Kummer Freude ersetzt,

Dann ist der Beginn des Schreibens gefragt,

Dann frisst sich neue Tinte auf gereiztes Papier,

Dann entfesselt sich die Feder in vielen Händen,

Dann empört sich das Ich ruhelos

Und verwehrt sich den Gepflogenheiten der Mäßigung

Und begehrt auf gegen den Schmalz besonnter Schönredner,

Dann herrscht Unfrieden.

 

Aus:  Berthold Grzywatz, Entblößungen, Aachen 2015, S. 47

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