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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Grabanlage Heide-Martin

Lebensschiff

Eine Grabanlage - Idee, Entwurf und Ausführung

für die Familie Heide-Martin

 

Friedhof Hofgeismar 2014

 

 

Die Ausgangslage für die Herstellung einer künstlerischen Grabanlage auf dem Friedhof Hofgeismar war überaus schwierig, wenn nicht problematisch, da sich die Grabstelle, die als Familiengrab angelegt werden sollte, durch Lage und Umfeld in einer geradezu „bedrängten“ Situation befindet. Das Grab ist in eine Reihenanlage mit den auf Friedhöfen üblichen Maßen eingebettet und zudem von schweren Steingrabstellen umgeben. Es kam also darauf an, etwas „Leichtes“ zu entwerfen: Die Grabstelle musste, soweit das durch die örtlichen Gegebenheiten überhaupt möglich war, aus ihrer Umgebung herausgehoben werden. Die ästhetischen Mittel für diese Aufgabe sah Berthold Grzywatz in der Wahl der Materialien und ihrer Anordnung in einer offenen Form, das heißt, sowohl die tradierte Geschlossenheit von Gräbern, wie sie allzu häufig bei schweren, ausgesprochen erdlastigen Einrichtungen vorkommt, als auch das auf Friedhöfen übliche Reihenprinzip war zu Gunsten einer aufgelockerten, lichtdurchlässigen, mit asymmetrischen Elementen verbundenen Anlage aufzugeben. Gleichzeitig sollte das Material die Grabstelle in ihrer Örtlichkeit deutlich akzentuieren.

 

Die tragende inhaltliche Idee des Entwurfs ist der Gedanke des „Lebensschiffs“. Als Sinnbild der Reise und des Übergangs kommt das Symbol des Schiffes in vielen Kulturen vor. Es steht ebenso für die Fahrt auf dem Meer des Lebens wie für das Überqueren der Wasser des Todes. Insofern wird in diesem Bild auch die Symbolik der Brücke eingebunden, denn mit dem Schiff wird die Überfahrt aus dieser Welt ins Jenseits sinnbildlich vollzogen.

 

Für Platon symbolisierte das Schiff die Lebensfahrt des Menschen über das Meer der Welt; Cicero sah das Schiff als menschliche Schicksalsgemeinschaft, die er mit dem Staat gleichsetzte; Augustinus sprach von einer Analogie zwischen Schiff und Menschenleben. Das Sein des Menschen glich nach seiner Ansicht einem stürmischen Meer, auf dem er sein Schiff in den Hafen führen musste. Widerstand der Mensch auf dieser Fahrt allen Versuchungen, wurde er durch sein Schiff zum ewigen Leben gebracht. In der christlichen Ikonographie ist die Bildvorstellung vom Schiff zudem mit der Kirche verbunden.

 

In der überlieferten Bildsprache ist mit dem Schiffssymbol seit dem Mittelalter auch eine gesellschaftskritische Dimension verbunden, insofern das Schiff als „Narrenschiff“ für die Torheit der Welt steht. Beim Betreten dieser Welt stülpen sich die Menschen die Narrenkappe über und sie begeben sich auf die Bühne des „Jahrmarkts der Eitelkeiten“. Der humanistisch gebildete Jurist Sebastian Brant veröffentlichte 1494 in Basel seine Zeitsatire und moralisierende Lehrdichtung „Das Narrenschiff“, die zum größten deutschen Bucherfolg vor Goethes „Werther“ avancierte und in viele europäische Sprachen übersetzt wurde. In seinem Narrenspiegel zeichnet Brant die Schwächen, Vergehen und Laster seiner Zeitgenossen nach. Seine Kritik richtet sich weniger gegen menschliche Fehler als gegen die Weigerung des Menschen, seine Torheit durch Selbsterkenntnis zu überwinden. Das Gegenbild zum verstockten Narren bildet bei Brant der durch Lebensklugheit und Vernunft geleitete Mensch, der in einer Zeit des allgemeinen Sittenverfalls über die Buße zum Glauben zurückfinden kann.

 

In ausdrücklicher Anknüpfung an Brant publizierte die amerikanische Literatin Katharine Anne Porter 1962 ihren Roman „Ship of Fools“. Porter macht das Schiff in der zu Beginn der dreißiger Jahre spielenden Handlung zu einem universalen Bild der menschlichen Gesellschaft auf ihrer Reise in die Ewigkeit. In der durch Klassen gespaltenen Gesellschaft zeigen vor allem die Bessergestellten, die sich ihrer herausgehobenen sozialen Lage überaus bewusst sind, Defizite wie psychische Deformierung, moralische Doppelzüngigkeit, fehlende Menschlichkeit, Voreingenommenheit und Rassismus, sowie die Unfähigkeit zum Glücklich sein. Am Ende gibt es keine Heimkehr, sondern vor dem unmittelbar heraufziehenden Nationalsozialismus nur Ziel- und Hoffnungslosigkeit. In einem Interview erklärte Porter: „Wir sind alle Passagiere auf diesem Schiff, doch wenn es ankommt, ist jeder allein“.

 

Gegenüber dieser zeitkritisch-pessimistischen Haltung könnte das Schiff in einer modernen säkularen Symbolik als Arche verstanden werden, welche die menschliche Gesellschaft unter dem Leitmotiv eines humanen Miteinanders auf der Lebensfahrt vereint.

 

Der Künstler vertiefte die Schiffssymbolik, indem er für das Grab eine Laterne entwarf, die auf etwa halber Höhe an der rechten Tafelstele angebracht ist. Die Laterne lässt in diesem Zusammenhang an das Licht des Leuchtturms denken, mit dem die Lebensreise zur sicheren Einkehr in den Hafen geführt wird. Licht bedeutet darüber hinaus Leben, Wahrheit und Erkenntnis; es ist sowohl mit Anfang und Ende als auch mit der äußeren Welt und der inneren Einsicht verbunden. In der Erfahrung des Lichts vollzieht der Mensch die Begegnung mit der letztendlichen Wirklichkeit.

 

Den Eintritt ins Leben hat Berthold Grzywatz dadurch symbolisiert, dass die Einfassung der Grabstelle an der unteren Querseite offen gelassen wird. Zwei bugförmige Eingangsstelen, in abstrakter Form angelegt, verweisen auf die Schiffssymbolik, während die Höhenentwicklung der Grabelemente, kulminierend in der Erinnerungstafel, den Übergang in ein anderes Leben bildhaft zur Sprache bringt. Die Erinnerungstafel ist asymmetrisch ausgeführt; am oberen Ende läuft sie zur rechten Seite hin in einer Spitze aus. Die unregelmäßige Aufhängung der Tafel an zwei schlanken Stelen unterstreicht das Schwebende, während die Durchblicke zwischen Stelen und Tafel symbolisch auf Einbindung und Auffahrt hinweisen. Die Schiffssymbolik wird durch diese Gestaltung nuanciert, denn die hohen Stelen und die asymmetrische Tafel rücken Masten und aufgeblähte Segel ins Blickfeld. Die intensive, unregelmäßige Schraffierung der Materialflächen, die bewusst die informativen Inhalte des Tafeltextes in den Hintergrund treten lassen, rhythmisiert die Anlage, womit die Bewegtheit des Lebens verdeutlicht werden soll.

 

Tragendes Material der Gesamtanlage ist gewalzter Edelstahl. Rahmen, Tafel und Eingangsstelen wurden in einer Materialstärke von 5 mm ausgeführt, während für die Tafelstelen ein Durchmesser von 50 mm gewählt wurde. Die Oberkanten der Umrahmung  mussten aus Sicherheitsgründen zweifach umbrochen werden, so dass die Oberkanten insgesamt abgerundet sind. Die bugförmigen Eingangsstelen, denen der Künstler die Form eines gleichschenkligen Dreiecks gab, werden auf eine Höhe von 500 mm heraufgeführt, die Höhe der Tafelstelen auf 1400 und die Spitze der asymmetrischen Tafel, unter Ausnutzung der Vorschriften der Friedhofsordnung, auf 1500 mm. Für die Tafel selbst wurden die Maße 900x550 sowie 800x450 mm gewählt. Für den Tafeltext wählte Berthold Grzywatz die Schrift „Book Antiqua“, die er in Gold ausführen ließ – für den vorliegenden Text insgesamt zur Anschauung verwandt. Diese Schrift ist auf die von Hermann Zapf im Jahre 1949 entworfene Schriftart „Palatino“ zurückzuführen, die moderne Form einer Renaissance-Antiqua. Die unregelmäßige Aufhängung der Tafel erhielt auf der Vorderseite verschweißte Hutmuttern, auf der Rückseite im Edelstahl versenkte Schrauben mit Flachköpfen. Alle bearbeiteten Stahlflächen versiegelte der Künstler mit einem hochglänzenden Klarlack.

 

Die trapezförmige Bodenplatte zwischen den Eingangsstelen besteht aus einem hellen, hochpolierten Granit; sie liegt bündig zwischen den seitlichen Innenschenkeln der Stelen. Zur Mitte der linken längsseitigen Umrahmung ist eine Vase in die Grabanlage integriert, die in rechteckiger Form mit dem Seitenteil verschweißt wurde. Die ebenfalls in Edelstahl ausgeführte Vase hat die Höhe der Eingangsstelen.

 

Bei der bereits erwähnten Laterne handelt es sich um eine aufwendige Anfertigung in Edelstahl und Glas, bei der Berthold Grzywatz als Grundformen Quadrat und Kreis kombiniert. Das untere quadratische Basiselement ist auf der Oberseite kreisförmig ausgeschnitten, so dass der Glaszylinder in die Basis hineingeschoben werden kann. Der nahtfreie Glaszylinder hat eine Höhe von 300 mm. Am oberen Ende wird er analog zur Basis mit dem entsprechenden Gegenstück verbunden. Dabei ist die Deckplatte zur Belüftung flächig durchbrochen und über kleine rechteckige Stäbe mit einem an drei Seiten leicht überhängenden Dach verbunden. Für eine ausreichende Luftzirkulation sorgen durch Löcher in der Bodenplatte der Laterne. Mit Hilfe eines rückwärtigen Stabes, der mit dem Basiselement verschweißt ist, erfolgt die Verbindung zur rechten Tafelstele.

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