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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Werkverständnis

 

Im Mittelpunkt meiner künstlerischen Arbeit, sowohl skulptural als auch literarisch, steht allgemein das menschliche Ich, das sich in einer entfremdeten Existenz – sei es nun auf der Ebene persönlicher Beziehungen, sei es im Bereich gesellschaftlichen Seins – zu orientieren und die eigene Identität zu wahren sucht. Ich-Erfahrung und gesellschaftliche Wahrnehmung sind dabei stets durch Differenzen charakterisiert, die es nicht zulassen, dass sich das Ich selbst findet und seine Verletzbarkeit mitteilen kann.

 

 

 

Die Realität der Verletzbarkeit erweist sich als eine Bedrohung, die dem Bedürfnis nach Nähe und Bindung stets entgegenwirkt und das Ich in die Leere treibt, die letztlich nur durch Episoden erfüllenden Erlebens in Beziehungen oder Gemeinschaften unterbrochen wird. Hoffnung bleibt in dieser Situation nur durch das Vergessen, das eine eigene Dynamik des Handelns auf den Weg bringt.

 

 

 

Die Wirkungen des Vergessens sind indessen vielschichtig, da es auch politische Prozesse einschließt, die nicht als abgeschlossen hingenommen werden können. Gleichwohl sollte die Erinnerung nicht zum traumatischen Begleiter des Ichs werden, die alle Erfahrungen einschnürt, denn Verantwortung ist nicht nur ein Reflex auf schwer zu ertragendes Vergangenes, sondern auch Verpflichtung gegenüber dem Gegenwärtigen, in dem sich Wünsche, Hoffnungen, Bedürfnisse, Ziele und Träume einstellen und nach Konkretion suchen.

 

Die Vielgestaltigkeit individueller Existenz wird in dieser grundlegenden Situation als Gefahrenmoment empfunden, da das Ich jede Form des „naiven“ Erlebens verloren hat und die Komplexität menschlicher Beziehungen schon immer mitdenkt – wenn auch häufig in unbewusster Weise – und in seine Praxis einbindet.

 

 

 

Das Überschreiten der persönlichen Sphäre, die Öffnung des Ichs gegenüber dem sozialen Raum mag Strategien zur Überwindung der Leere eröffnen, nur erweist sich dieser Raum als eine verdinglichte Welt mit mannigfaltigen Angeboten – Aufklärung und Fürsorge, Freundschaft und Hilfe, Bedürfnisbefriedigung und Realisation von Träumen, Solidarität und Ideologien -, die die Fragilität des Ichs potenzieren. Zumal in einer Wirklichkeit, die Grunddefinitionen des Seins wie Raum und Zeit aufzugeben scheint, und die Grenze zwischen Leben und Erleben nicht mehr zu erkennen gibt. Die fehlende Distanz zwischen Sehen und Erkennen, zwischen Wahrnehmen und Bewusstsein, der Verlust des individuellen Erfahrungsraums nimmt dem Ich möglicherweise letzte Konturen, die unterdessen das Ich – und das mag tröstlich sein – auf seine Leidensfähigkeit zurückwerfen.

 

 

 

Die Bildwerke streben keine Erzählung im Sinne linearer Prozesse an, die durch tradierte Wiederholungen und Brüche gekennzeichnet sind. Vielmehr geht es um Abstraktion, um Strukturen und Fragmente, um Relationen und Konstellationen, die auf Typisches bzw. Allgemeines und Expression abzielen. Die Kunst erscheint insofern als surrealer, emotionaler Raum. Sie geht allerdings nicht mit Verschleierung oder hermetischer Abriegelung einher, sondern vielschichtig, anspielungsreich, anhaltend verunsichernd, provokativ anregend und spannungsgeladen bildet sie den Ausgangspunkt für einen dynamischen Reflexionsprozess.

 

 

 

Dieser Reflexionsprozess beinhaltet nicht die Erschließung eines bestimmten Inhalts oder das Dechiffrieren und Identifizieren von Motiven. Als autonomes Tun ist er an den Betrachter gebunden, an dessen individuelles Sehen und Denken. Insofern gibt es keinen Gegensatz zwischen Fantasie, Deutungswillen und tatsächlicher Anschauung. Dennoch entfaltet sich der inhaltliche Erkenntnisprozess in Bindung an das Werk und in der Regel gibt der Titel einen Ausgangspunkt der Reflexion. Durch abstrakte Strukturen, durch Fragmente und Details des Realen, die Symbole bzw. Zeichen des Zusammenhangs von Welt präsentieren und dessen Sehen befördern.

 

 

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