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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Lebensschichten

Eiche und Buche,  gesägt, gebürstet, teilgeschliffen, verschieden farbig lasiert und klar gelackt; die Einzelobjekte durch Edelstahl-Rundstäbe verbunden und verklebt, mit der Basis verschweißt; Edelstahl-Achse. Stahl, farbig gelackt. 230 x 75 x 40 cm. 2013.

                      Die Skulptur „Lebensschichten“

                                            2013

 

Diese Skulptur ist in akzentuierter Schichtung aus zehn Teilen entwickelt worden. Auf einem schweren Basiselement aus Stahl werden acht „selbständige“, d. h. als Einzelteile angelegte Holzkörper übereinander gesetzt. Zwischen dem zweiten und dem sechsten Element ist ein durchgehendes massives Edelstahlrohr eingelegt; als innere „Lebensachse“ bleibt es für den Betrachter nur am Anfang und am Ende sichtbar. In der Wahl der Gesamtzahl der Teile wie der Zahl der Elemente zu den Lebensschichten ist nicht eine symbolische Qualität zu sehen, die sich an kulturell tradierten Bildern orientiert, vielmehr verweisen sie auf die „Lebensalter“, mithin auf das Sein des Menschen als Ort seiner Selbstverwirklichung und Handlungsorientierung. Die Maße der Skulptur belaufen sich auf 230 x 75 x 40 cm, das Gewicht beträgt ca. 90 kg.

 

Verschieden lange Edelstahlstäbe stellen die Verbindung zwischen den einzelnen Teilen her. Sie wurden jeweilig verklebt und an den Kontaktstellen durch ein Silikon abgedichtet. Die mit Einschnitten und Außenwellen versehene Stahlbasis hat einen Hammerschlag-Effektlack erhalten, während die plastischen Holzelemente verschiedenfarbig lasiert sind. In der Endbeschichtung wurden sie mit einer transparenten Langzeitlasur versehen, die auf Grund ihrer besonderen Eigenschaften Feuchtigkeit nach außen abführen kann.

 

Buche und Eiche dienen als Material für die Holzkörper. Für die Grundformen erfolgte ein Zuschnitt aus verschiedenen Stämmen. Bei der weiteren Bearbeitung wurde die Anlage von glatten Flächen auf ein Minimum reduziert, d. h. nur in einzelnen Fällen waren feinere Schleifarbeiten, unter anderem für die Verknüpfungsstellen, vorgesehen. Ansonsten ist das Holz entsprechend der künstlerischen Intention bewusst grob strukturiert worden. Die Oberflächen erhielten insbesondere durch die Behandlung mit Stahl- und Topfbürsten eine mitunter tief in das Material eindringende Textur. Risse und Spalten im Holz wurden durch maschinelle Eingriffe verstärkt bzw. akzentuiert, um auf diese Weise sowohl die formalen Strukturen zu differenzieren als auch die emotionalen Wirkungen des Werks zu intensivieren.

 

Inhaltlich verweist diese Arbeit auf die Existenz des Menschen. In der Erfahrung der Wirklichkeit erfährt das Ich sich selbst; der Mensch begreift, dass alles Geschehen durch ihn vermittelt, er selbst aber zugleich in das Geschehen eingebunden ist, sowohl in seiner Verflechtung mit den Mitmenschen als auch in seinem Bezug zu den Dingen. Das Ich kann also nur zu sich selbst kommen, wenn dieser zwischenmenschliche Zusammenhang gesehen und reflektiert wird. Die Auseinandersetzung vollzieht sich immer in einer geschichtlichen Situation, deren Gestaltung von der menschlichen Gesellschaft insgesamt abhängt.

 

Der in seine „Lebenssituation“ hingestellte Einzelne wird mit Blick auf die Zukunft daran gehen, sein Leben zu gestalten. Wie die formale Anlage der Skulptur zu verdeutlichen sucht, ist die Ausgangssituation stets komplexer, als das werdende Ich es wahrzunehmen vermag. Das menschliche Sein beinhaltet keine voraussetzungslose, freie Gestaltung, vielmehr wird es ebenso im Persönlichen wie im Sozialen durch die unterschiedlichsten Faktoren bedingt, so dass immer nur ein Handeln in der Zeit möglich ist. Die Skulptur wächst auf schlankeren Elementen nach oben und entfaltet sich dann in die Breite, um sich zur Spitze hin wieder zu verjüngen, indessen auf breiterer Basis. Vor allem im mittleren Bereich zeigt sich eine enge Verzahnung der plastischen Elemente, was andeuten soll, dass die Abschnitte des Lebens in einzelne Teile zerfallen mögen, sie beziehen sich jedoch zugleich aufeinander und sind nicht voneinander zu trennen.

 

Schon die stetige Reflexion über das Sein lässt sich nicht von der Entwicklung des Individuums, von seiner eigenen Geschichtlichkeit trennen. Allerdings vollzieht sich das Leben nicht in einem unabhängig vom Ich existierenden Verlauf, der als Schicksal die Freiheit des Willens und die Verantwortung für das eigene Tun unterminiert. Das Handeln weist, indem es in seiner Bindung an das Zeitbewusstsein zeitgemäß sein will, über das Gegebene hinaus. Es stellt sich der Realität und zielt unter ethischen, gesellschaftskritischen und politischen Aspekten auf deren Verbesserung bzw. Veränderung ab. Die Skulptur nimmt diese Tendenz auf, wenn sie im oberen Bereich ein Element zur Hälfte außerhalb der Lebensachse anordnet. Das Ich schwebt gleichsam im Raum, löst sich scheinbar von seinem eigenen Sein. Aber der Mensch zerfällt ebenso wenig in seine Teile, wie er auf diese Teile reduzierbar ist. Er bleibt, bei allem Unvermögen das Ganze zu sehen, stets eine Einheit, auch wenn sein Verhältnis zur Realität durch Differenzen gekennzeichnet ist.

 

Das Handeln unter ethischen Maximen wie die Minderung des Leidens, die Mehrung der Wohlfahrt oder die Abschaffung der Gewalt stellt sich als ständige Aufgabe heraus, das auf Verwirklichung drängt. Es ist Teil der Selbstverwirklichung des Menschen wie überhaupt Moment seiner Bestimmung. Die Bearbeitung der plastischen Elemente, die aufgerissenen, keinem Muster folgenden Texturen, die offenen Brüche im Material und schließlich dessen unterschiedliche farbliche Behandlung, sollen erkennen lassen, wie der Mensch als endliches Wesen sich nie des Erfolgs sicher sein kann, wie Macht und Ohnmacht gleichsam Säulen der Praxis seines Daseins sind.

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