Der Migrant

 

Metallgüsse (Aluminium), miteinander verschweißt; gestrahlt und, teilpoliert; Aluminium, poliert, geschweißt und verschraubt (Edelstahlschrauben); Stahl, farbig gelackt. 225 x 48 x 35 cm. 2015.

 

 

 

 

Technische Darstellung des Kunstwerks

 

Bei der ausgewählten Skulptur „Der Migrant“ handelt es sich um einen Metallguss auf der Basis einer Aluminiumlegierung. Das Werk hat eine Höhe von 225 cm und misst in der Länge und Breite 48 x 34 cm. Nach längeren Arbeiten an der Herausarbeitung der Skulptur wurde das Werk Ende 2014 gegossen und zu Beginn des Jahres 2015 die Endfertigung ausgeführt. 2015 wird damit als Herstellungsjahr angegeben.

 

Die Skulptur setzt sich im Grunde genommen aus drei Elementen zusammen: zwei in Material und Stärke unterschiedlichen Basisplatten und dem eigentlichen geschlossenen plastischen Teil, der für das Gießverfahren in zwei Einzelteile zerlegt und nach dem Guss wieder zusammengeschweißt werden musste.

 

Die erste Basisplatte in den Maßen von 48 x 34 cm besteht aus einem massiven Stahlteil, dessen Gewicht so zu wählen war, dass dem plastischen Element ein sicherer Halt gewährt wurde. Der Stahl wurde nach der erforderlichen Vorbehandlung grundiert und mit einem schwarzen Metalleffektlack versiegelt. Da Stahl und Aluminium nicht miteinander verschweißt werden können, mussten in den Stahl insgesamt sechs Löcher gebohrt werden und anschließend für jedes einzelne Loch ein Gewinde geschnitten werden, damit eine Verschraubung mit der zweiten Basisplatte aus Aluminium, deren Maße 38 x 30 cm betragen, möglich wurde. Als Verbindungen dienen Edelstahlschrauben mit versenkbaren Köpfen.

 

Dieses Verfahren wurde an der zweiten Basisplatte, die zur Verschweißung der Plastik erforderlich war, wiederholt. Die rechteckige Platte erhielt eine glatte Oberfläche, die in mehreren Arbeitsgängen auf Hochglanz poliert wurde. Das im Aluminiumguss hergestellte plastische Element ist dann im WIG-Aluminiumschweißverfahren mit der zweiten Basisplatte verbunden worden.

 

 

Herstellung und Endfertigung der Skulptur

 

Die spätere Metallplastik wird im Sandform- bzw. Sandgussverfahren hergestellt. Die Grundlage bildet ein Modell aus Holz, das als Dauermodell angelegt ist und in seiner Gestalt der Gussform entspricht.

 

Für die Erarbeitung des Modells wurde ein naturbelassenes, aus einem Stück bestehendes Eichenholz in aufwendigen, mehrteiligen Arbeitsgängen geformt. Entsprechend der künstlerischen Absicht war die Formgebung insgesamt auf eine strikte Höhenentwicklung in schmaler Ausführung angelegt. Die „Figur“ ruht praktisch auf einer fragilen Spitze, entfaltet sich schwungvoll senkrecht nach oben, um sich im letzten Viertel nach links zu neigen und zu öffnen. Eine kontrastierende Oberflächenbehandlung soll die dynamische Höhenentwicklung steigern bzw. dem Werk eine komplexe Tiefe geben. Für die Vorderseite war eine glatte Oberfläche zu schaffen, die allein durch klare lineare Fügungen gegliedert ist. Im Gegensatz zu dieser Oberflächengestaltung wurde die Rückseite mit einer rauen Textur versehen, die durch Bruchlinien, Vertiefungen, Querrillen und geschruppten Partien in sich bewegte Strukturen erhält. In Absprache mit dem Metallgießer wird das in einem Stück gefertigte Modell in zwei Teile zerlegt, da es für herkömmliche Formkästen zu groß ist.

 

Nach der endgültigen Fertigstellung kommen die Modelle zur Abformung in die Metallgießerei, die hierzu  Sand benutzt, der in Formkästen durch Pressen bis zur notwendigen Stabilität der Form verdichtet wird. Im Allgemeinen kommen im Gießverfahren zwei Formkästen zum Einsatz, da durch die Nutzung eines Ober- und Unterkastens die beidseitige Formung des Gussteils möglich ist. Nach der Abformung entfernt der Metallgießer meine Modelle und fügt die Formkästen wieder maßgerecht zusammen.

 

Sobald die Formkästen durch Zwingen gesichert sind, wird der flüssige Gusswerkstoff, d. h. die Aluminiumlegierung, in die gefertigten Formen gegossen. Als die Gussstücke erkaltet waren, wurden die Sandformen mechanisch zerstört. Die gegossenen Werkstücke waren insgesamt gut gelungen, sie mussten nur noch für die Bearbeitung bzw. das Putzen kleinerer Gussfehler in der Gießerei bleiben. Anschließend habe ich die Werkstücke  durch eine Sandstrahlmaschine unter Verwendung von Stahlschrot bestrahlen lassen, da auf diese Weise eine gleichmäßige Färbung der Oberflächen zu erreichen ist.

 

Nachdem die Modelle wieder im Atelier des Künstlers eingetroffen sind, beginnen die Arbeiten zur weiteren Gestaltung bzw. endgültigen Fertigstellung der Skulptur. Entsprechend dem künstlerischen Entwurf müssen die Oberflächen der plastischen Elemente bearbeitet werden: In mehrfachen Schleif- und Polierprozessen ist die Oberfläche der Vorderseiten in einen glatten Zustand zu bringen, wobei einzelne Einsprengungen, Aufrisse und Schraffierungen bewusst nicht gänzlich abgetragen werden. Die hochpolierte Fläche erhält auf diese Weise einen verletzlichen, wenn nicht angespannten Charakter.

 

In den letzten Arbeitsschritten wurden dann die beiden Gussteile im WIG-Aluminiumschweißverfahren zusammengefügt, die Gesamtfigur auf die zweite Basisplatte aus Aluminium geschweißt und schließlich die Schweißstellen geputzt.

 

 

Inhaltliche Erläuterung

 

Die Skulptur „Der Migrant“ ist als Teil des Werkzyklus „Dialektik und Transformation“ geschaffen worden, der sich mit dem Menschen im Geschehenszusammenhang der Wirklichkeit, seinem Handeln und Verhalten in der Verflechtung mit dem Mitmenschen auseinandersetzt. Die Frage nach der Möglichkeit eines ethisch gebundenen Handelns wird aufgeworfen; die Orientierung an Vernunft geleiteter Verantwortung und an den Problemen der Zeit wird im Rahmen dieser Werke am Verhältnis von Fremde und Fremdsein thematisiert.

 

Das Unvertraut-sein mit individuellen Existenzen, die auf einer abweichenden Kultur gründen, erzeugt Distanz und macht den Migranten zum Fremden. Seine Umwelt nimmt ihn als fremd wahr und auf Dauer fühlt er sich selbst innerlich fremd. Verbleiben Zugewanderte im Status des Fremdseins werden die Integrationsleistungen der Gesellschaft dauerhaft gefährdet.

 

Die unsichere Position des Fremden im Verhältnis von Mehrheit und Minderheit spiegelt sich im Werk an der äußerst schmalen Basis wieder, die sich zwar nach oben hoffnungsvoll verbreitert, aber insgesamt bleibt die Stellung zerbrechlich, was in der strikten Höhenentwicklung zum Ausdruck kommt. Der dynamische Zug in die Vertikale deutet zugleich die Ungewissheit der Existenz des Fremden an. Das Empfinden der gesellschaftlichen Umwelt als Bedrohung, die an Flucht denken lässt, wird durch die abschließende Linksneigung der Skulptur noch verstärkt. Unmittelbar soll dadurch auch das Moment der Abwehr angesprochen werden. Die Zwiespältigkeit eines Daseins zwischen Nähe und Distanz macht das Werk zudem durch die kontrastierende Oberflächenbehandlung deutlich: Die polierten und grob schrundigen Texturen verweisen auf ein widersprüchliches Leben und Erleben. Selbst die Angebote auf Integration, was sich in der glatten Fläche andeuten mag, stellen sich als spannungsreich heraus, weit entfernt von einer konfliktfreien Situation des Aufeinander-Zugehens. Die Brüche im hochpolierten Material sollen diese Umstände verdeutlichen.

 

Die Skulptur des „Migranten“ möchte aber mehr sein als ein bildlicher Ausdruck zwischen Außen und Innen, zwischen fremd und vertraut, zwischen nah und fern. Nähe und Vertrautheit im Innenleben einer Gesellschaft gehören nicht zu deren bedingungslosen oder selbstverständlichen Voraussetzungen, die gleichsam naturgegeben schon immer vorhanden sind; sie müssen vielmehr im ständigen Dialog erarbeitet und gelebt werden. Der Außenseiter, die Randgruppe oder die soziale Minderheit gehören zu den Erscheinungen jeder Gesellschaft, selbst wenn sie demokratisch verfasst ist und der auf Interessenausgleich angelegte Kompromiss zu ihrer praktischen, politisch geübten Lebensform gehört. Insofern ist „Der Migrant“ auch ein Symbol für das als latente Bedrohung empfundene Fremde in seiner Allgegenwärtigkeit, für die inneren, auf Ab- und Ausgrenzung beruhenden Konflikte einer Gesellschaft, die der Anstrengung aller bedürfen.

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