Hier finden Sie mich

Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


Telefon: 0152 069 344 31

            04331 / 33 99 510

 

Berthold.Grzywatz@gmx.de

 

Kontakt

Nutzen Sie mein Kontaktformular

Kontaktformular.

Dialektik und Transformation

Verletzungen - 2014

Dialektik und Transformation

Ein neuer Werkzyklus

 

 

Die Wirklichkeit, und damit gleichermaßen die Wirklichkeit der Kunst, ist als Geschehens-zusammenhang zu verstehen, der Subjekt und Objekt miteinander verbindet, indem sie sich gegenseitig bedingen. Das Geschehen wechselseitiger Verflochtenheit erweist sich dabei als Prozess, dessen Grundlage die Dialektik ist. Die Wirklichkeit stellt sich für den Menschen also als Geschehen heraus, das ebenso durch ihn vermittelt ist, wie der Mensch durch das Geschehen vermittelt wird, wenn auch die Wirklichkeit in Teile zerfällt, die aufeinander verweisen, ohne dass sie aufeinander reduzierbar sind oder die Wirklichkeit von sich aus fundieren.

 

Unsere Realität stellt sich als Einheit und Differenz dar; die Kunst zeigt sich als Teil zum Ganzen und wird wie alle Teilbereiche angetrieben, den Zeitgeist ebenso im Ganzen auszudrücken wie das Zeitbewusstsein und folglich das dialektische Bewusstsein zu schärfen. Damit stößt sie stetig die Reflexion des Menschen an, die ständige Auseinandersetzung mit dem Sein, die im Leben keinen Abschluss findet.

 

 

Die dialektische Struktur der Wirklichkeit bleibt wesentlich dem Gesichtspunkt des menschlichen Miteinanders verbunden; die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt wird dadurch differenziert, dass dem Menschen ein ihm gleiches Ich gegenübertritt. Das Verhältnis des Menschen zu sich selbst ist sowohl durch den Bezug zum Mitmenschen als auch durch den Bezug zu den Dingen bestimmt, wobei diese Situation geschichtlich bedingt und durch die menschliche Gesellschaft insgesamt gestaltet ist.

 

Im Geschehenszusammenhang der Wirklichkeit sind die Menschen dementsprechend miteinander verflochten. Diese Verflechtung kann nur durch ein Handeln bzw. Verhalten bestimmt sein, dass sich ethisch konstituiert, indem Verantwortung für ein Vernunft geleitetes, an den Problemen der Zeit orientiertes Handeln übernommen wird. Das Handelns des Menschen in interpersonaler Verantwortung ist von dem in Freiheit gefassten Entschluss des Einzelnen abhängig, ohne dass damit eine völlig freie Gestaltung eröffnet wird, denn das Handeln ist schon immer bedingt und kann sich nur zeitgemäß entfalten. Zudem verlangt es vom Einzelnen das Ich als absoluten Bezugspunkt aufzugeben. An die historische Bedingtheit des Handelns bzw. die Verantwortung des Menschen vor der Geschichte bleiben letztlich die Intentionen der Kunst gebunden, was nicht mit einer Indienstnahme der Kunst für gesellschaftspolitische Zwecke zu verwechseln ist.

Verletzungen - 2014

Welche Maximen, welche Maßstäbe können nun zu Motiven des Handelns werden? Welche konkreten Möglichkeiten ergeben sich in der dialektischen Wirklichkeit? Mit welchen Zielen? Angesichts der Dialektik von Macht und Ohnmacht, von Freiheit und Unfreiheit, von Gut und Böse, angesichts der Herrschaft technologischen Denkens, der Dominanz einer an Sachbezügen ausgerichteten Rationalität und Wissenschaft scheinen Orientierungen, nicht zuletzt an einer ethisch begründeten Humanität, zu fehlen. Es wäre jedoch abwegig, die Analysen und Erkenntnisse der Wissenschaften und die von der Technologie eröffneten Verhaltensmöglichkeiten zu ignorieren. Vielmehr kommt es darauf an, das Verhalten des Menschen durch ihre Einbeziehung zu gründen und ethisch zu binden.

 

Maßgebende Maximen in der Globalität menschlichen Seins kann ebenso die Minderung sozialen Leidens und die Mehrung sozialer Wohlfahrt wie die Abschaffung von Gewalt und Unfreiheit sein, die aber einer zeitgemäßen Interpretation zu unterwerfen sind. Die Verwirklichung dieser Maximen ist ständig aufgegeben und zielt auf den positiv begründeten Wandel des geschichtlich-gesellschaftlichen Seins ab. Insofern kann von Transformation gesprochen werden, von Umformung oder Umgestaltung des Geschehenszusammenhangs der Wirklichkeit, der in seiner Dialektik keine Einheit zulässt, sowohl im Hinblick auf das Ganze wie die Teile.

 

Als einzelner Bereich des Geschehenszusammenhangs ist die Kunst zu verstehen, die gleichermaßen wie die Realität keine Einheit darstellt. Sie differenziert sich in Teilbereiche, in denen Künstler und Rezipient ebenso vermitteln wie sie gleichzeitig vermittelt werden. Kunstwelt und alltägliche Lebenswelt sind miteinander verwoben, weisen aber auch gegensätzliche Strukturen auf. Die Autonomie des Künstlers kann im Wege der Verinnerlichung dazu führen, dass die Innerlichkeit zur eigentlichen Wirklichkeit wird. Das künstlerische Subjekt gibt sich gleichsam als die wahre Realität aus, während die äußere Welt zu einer sekundären Erscheinung wird. Demgegenüber gilt es, den realen dialektischen Bezug zur Wirklichkeit  und damit auch zum menschlichen Miteinander zu suchen, mithin auf ein an der Humanität orientiertes Handeln.

Verletzungen - 2014

Fremde  •  Fremdsein  •  Sehen

 

 

In seinen aktuellen Werken zeigt sich Berthold Grzywatz bestrebt, unter den leitenden Maximen des Handelns einerseits die Fremde und das Fremdsein andererseits das Verhältnis von Materie und Form unter dem Gesichtspunkt des Sehens zu thematisieren. Verletzungen, Situationen des Gebrochenseins und der Spaltung werden angesprochen, ebenso die Ungewissheit und Spiegelungen eines gesonderten Daseins wie die Flucht als notwendiger oder aufgezwungener Ausweg.

 

Das Unvertraute einer individuellen Existenz, das Nicht-Vertraut-sein mit deren kulturellen Merkmalen und Mustern kann eine Differenz erzeugen, die sich durch divergierende Werthaltungen der beteiligten Gruppen gesellschaftlich möglicherweise weiter vertiefen. Der Fremde wird, ungeachtet seiner Stellung im Arbeits- und Reproduktionsprozess, zum Fremdling, der sich auf Dauer selbst innerlich fremd fühlt, während seine Umwelt ihn als besonders fremd wahrnimmt. Fehlende soziale Kontakte, der Mangel an Rollenzuweisungen und die Verweigerung von Statusanerkennung wirken desintegrativ, hintertreiben die Integrationsanstrengungen der Gesellschaft.

 

Eine gescheiterte Integration muss aber nicht zwangsläufig die Existenz einer Gesellschaft in Frage stellen, denn die Segregation, das Nebeneinander von Gruppen und Kulturen kann Stabilität verbürgen. Allerdings nur, wenn soziale Wohlfahrt, die politische Teilhabe, die Zugänglichkeit zu den Ämtern und die justitielle Gleichheit allgemein gewährt wird. Eine gespaltene Gesellschaft ist dennoch, insbesondere wenn Gruppen als Fremde wahrgenommen werden und im Status des Fremdseins verbleiben, auf Dauer gefährdet, so dass sich die Transformation des Bestehenden zum existentiellen Faktor dieser Gesellschaft entwickelt.

 

Während im Verhältnis zum Fremden, etwa im Falle des Migranten, eine dialektische Beziehung von Innen und Außen, von Mehrheit und Minderheit herrscht, kann das Fremdsein sich gleichfalls in den inneren Gegebenheiten einer Gesellschaft bemerkbar machen oder gar konstitutiv für deren Erhalt sein. Das abweichende Verhalten des Außenseiters geht auf Normverletzungen und enttäuschte Verhaltenserwartungen zurück. Überdies wirken der Außenseiter, die Randgruppe oder die soziale Minderheit konsolidierend für die Gesellschaft, indem sie für Spannungen und Konfliktlagen oder das Versagen der Gesamtgesellschaft in Krisensituationen verantwortlich gemacht werden können. Die Abgrenzung oder gar der bewusst produzierte Hass gegen die „fremde“ Minderheit kann zudem, wie es aus der Geschichte des Antisemitismus hinlänglich bekannt ist, herrschaftstechnisch genutzt werden. Selbst nach der Befreiung vom Nationalsozialismus fiel es der „Mitläufergesellschaft“ nicht leicht, die politisch, rassisch und religiös Verfolgten des NS-Regimes ohne Vorbehalte als Opfer anzuerkennen. Der österreichische Romancier Hermann Broch sprach gar davon, es gehöre zur allgemeinen Natur des Menschen, den Leidenden als Schuldigen anzusehen. Broch verweigerte, wie andere auch, die Rückkehr aus dem Exil.

Verletzungen - 2014

Die Abgrenzung gegen das Fremde steht insofern in einer weiteren Beziehung zum modernen Ich, als sich mit diesem das Bedürfnis nach seiner inneren und äußeren Entgrenzung verbindet. Schon die Romantik war von der Sehnsucht nach der „freien Welt“ geprägt, einer gegenüber dem rationalen Arbeits- und Erwerbsleben anderen Welt, die in der Ferne lag und die sich, unter Einschluss der künstlerischen Persönlichkeit, im Alltag der bürgerlichen Gesellschaft allenfalls in der inneren Emigration oder selbst nur im Wunsch auftat. Im Verkehrs- und Kommunikationszeitalter blieb es nicht bei dem Blick in die Ferne; die Fremde war allgemein erreichbar, enttäuschte aber durch den Verlust ihrer Ursprünglichkeit. Sie fiel der Verklärung anheim oder sie wurde zum Formenvokabular der Avantgarde. Das digitale Zeitalter beklagt den Verlust des Raums, das Fremde wird in seiner Allgegenwärtigkeit zur latenten Bedrohung.

 

Die beschriebenen Gefährdungen will Berthold Grzywatz mit ästhetischen Mitteln sichtbar machen, gerade ohne seine abstrakte Formensprache zu verlassen. Es werden spannungsreiche Beziehungen zwischen den gewählten Materialien Holz, Metall und Stein, ihren Strukturen, Formen und Oberflächen entwickelt. Blockhaften, eher vollplastischen Elementen werden lineare Texturen gegenübergestellt, die Farbgebung als kontrastierendes Element genutzt, Flächen und Körper erhalten durch differierende Formen des Aufbrechens oder durch ihre Rhythmisierung Dynamik. Sie verweisen sowohl gestalterisch als auch inhaltlich auf das Prozesshafte der Form und des Sehens. Die Spannung zwischen Materialien und Formen intensiviert Berthold Grzywatz mitunter soweit, dass ihr Verhältnis im Raum situativ aufgeladen wird.

 

Die durch Licht und Raum beeinflussten Relationen zwischen Linien und Körper verdeutlichen Konflikte, die den Rezipienten emotional herausfordern und gedanklich in die dialektische Realität führen. Gestalten, Sehen und Verstehen unterliegen, indem sie prozesshaften Charakter tragen, den Problemen des Transformierens. Das Erfassen und Verstehen der Form in ihrem räumlichen Vorhandensein und in ihrer inhaltlich-assoziativen Ausrichtung fordert das Sehen des Betrachters heraus. Es kann dabei nicht beim physiologischen Wahrnehmen bleiben. Das durch die künstlerische Intuition Erschaute und im Werk Umgesetzte möchte ein Erlebnis des Sehens veranlassen, welches die Sicht auf noch nicht Erblicktes anregt und unbekannte Sichtweisen entfaltet. Dieses Sehend machen ist nicht metaphysisch zu verstehen, etwa als Annäherung an Grundstrukturen oder eine an sich geltende Ordnung, sondern als Begegnung mit der sich in Einheit und Differenz erschließenden Wirklichkeit und damit nimmt es auf die Entwicklung des dialektischen Bewusstseins Einfluss. 

Druckversion Druckversion | Sitemap
Copyright und Webdesign: Berthold Grzywatz