"System und Ordnung" - Werkzyklus

                                                Ein fotographisches Projekt

 

Drehung 1

Der fotografische Blick richtet sich auf Objekte, die in ihrer Vielfältigkeit ebenso die industrielle Alltagskultur wie die technische Zivilisation prägen. Die nicht näher benannten Objekte sollen hier in ihrer funktionalen Verwendung und in ihrer symbolischen Wirkung betrachtet werden. Es handelt sich dabei keineswegs um neuzeitliche Produkte, vielmehr begleiten sie den zivilisatorischen Prozess seit alters her. Der Industrialismus ermöglichte unterdessen die Massenproduktion und die mannigfaltige Differenzierung der Objekte, so dass eine unübersehbare Variation ihrer Funktion entstand. Die massenhafte Herstellung und der universelle Einsatz verlangte nach Normierung, Standardisierung und Typisierung und, sobald der Austausch sich regelmäßig in länderübergreifenden Bahnen vollzog, nach Internationalisierung.

 

In der Vereinzelung, in der isolierten „Individualexistenz“ verbleiben die Objekteaußerhalb eines sinnvollen Seins, erst in der Verbindung mit anderen Dingen entfaltet sich ihre Existenz, gewinnt ihr Dasein seine Berechtigung. Insofern sind die Objekte Stifter von Ordnung und System nach innen und außen. Nach innen, da sie stets ein geordnet aufgebautes, regelhaftes Ganzes schaffen, das überaus komplex angelegt sein kann; nach außen, da sie beliebig aus Art, Charakter und Anzahl von Teilen eine Ordnung konstituieren, die sich geschlossenes oder offenes System dem arrangierenden, operierenden und erkennenden Subjekt gegenüberstellt.

Das auf instrumenteller Vernunft beruhende System und die ihm zu Grunde liegende rationale Ordnung mögen in ihrer wissenschaftsgestützten Exaktheit und in ihrer Beherrschung durch mathematisch bestimmbare Gesetze ein Gegenpol der Freiheit sein. Gleichwohl sind die in diesem Werkzyklus fotografierten Objekte nicht an die Statik einer Ordnung gebunden, denn in der Regel können die eingegangenen Verbindungen wieder gelöst und die Objekte in weiteren Zusammenhängen neue Funktionen finden. Damit nicht genug, wird es möglich, auch die übrigen Komponenten des Systems in andere Ordnungen einzubringen. Was auf den ersten Blick als Ausdruck einer nicht wandlungsfähigen Konfiguration erscheint, erweist sich demnach bei intensiverem Sehen als flexible Anlage, die der Praxis potentiell eine Vielzahl von Verbindungen bietet. Die gegebene Ordnung stellt sich somit als zeitlich bedingt und der Veränderung unterworfen dar. Aus Ordnung wird neue Ordnung, ohne dass diese an eine unveränderliche Struktur oder gar einen totalitären Willen gebunden ist.

 

Die fotografischen Objekte werden insoweit als Metapher für die Dynamik der sich entwickelnden Welt und ihrer Zeitlichkeit verstanden. Künstlerisch wird das Objekt mit Symbolkraft gesucht, dessen realer Kontext eine Reduktion erfährt, um auf diese Weise den Bezugsrahmen zu erweitern und universelle Einsichten zu vermitteln. Die Reduktion verschränkt sich mit einer Enträumlichung; der Blick taucht in die Unmittelbarkeit der Umgebung des Objekts ein, löst es aus dem allgemeinen raum-zeitlichen Kontinuum und gibt ihm damit Eigenständigkeit.

 

Über die Nahaufnahme, das lokale Artefakt, die Konzentration auf das Detail und die radikale Begrenzung des Bildausschnitts soll das durch den künstlerischen Prozess initiierte Sehen zu einem Finden des Elementaren werden, in dessen Folge sich Erkenntnis und Verortung aufschließen. Die Texturen des Objekts, die Beschaffenheit der Oberflächen, die Farblichkeit und ihre Fragmentierung durch Zersetzen sowie die Aufladung der Dinge durch den Einfluss natürlicher Abläufe, die durch die Detaillierung des künstlerischen Zugriffs hervorgehoben werden, vergegenwärtigt sich die Geschichtlichkeit der Objekte, mithin ihre Grenze.

 

Ausschnitte aus dem Werkzyklus "System und Ordnung"

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