"Häutungen" - Werkzyklus

Häutungen.

Fotografie zwischen Objekt und Subjekt

 

Das Bild der Häutung begegnet uns in zahlreichen literarischen und künstlerischen Sujets. Erinnert sei etwa an den Marsyas-Mythos, der Herausforderung des Gottes Apoll durch einen Silen, einem Mischwesen aus Mensch und Pferd, die als Angriff auf die bestehende Ordnung mit der grausamen Enthäutung bestraft wird. Der Verlust der Körpergrenze geht nicht nur mit dem Tod, sondern auch mit dem Auslöschen der Identität einher. Das Begehren des Grenzenlosen kann im Akt der Häutung aber auch als eine gewaltsame Modifikation gesehen werden, d. h. die Vermessenheit der Konkurrenz mit einer Gottheit erscheint als Konflikt zwischen Zivilisation und Barbarentum, der mit der Menschwerdung endet. Die Haut offenbart sich als Hülle, deren Abstreifen notwendige Voraussetzung der Selbstwerdung ist.

Zwischen dem Außen und Innen besteht folglich eine Differenz: Die Häutung wird zum Akt der Befreiung, zum Freilegen des Menschen, der nur ohne Hülle eigentlich Mensch ist, wie Goethe in seinem die Grenzen des Romans sprengenden Alterswerk „Wilhelm Meisters Wanderjahre“ einen Bildhauer sprechen lässt. In diesem Gedanken begegnet uns die Vorstellung einer Dichotomie von Körper und Geist, von Leib und Seele; mithin ein ideelles Menschenbild, das auf dem Vorurteil eines erkennbaren menschlichen Wesens beruht. Einerlei, ob der Geist und die Vernunft oder der Leib und die Triebschicht dieses Wesen als die entscheidende Instanz bestimmen. Der Mensch nähert sich seinem Selbst, um bei Goethe zu bleiben, nicht in einem fortwährenden Prozess der Häutung an, vielmehr sieht er sich Problemstellungen ausgesetzt, die einer wissenschaftlichen Antwort bedürfen oder die in der Praxis mit Hilfe der Wissenschaft gelöst werden.

Das Bild vom Menschen obliegt also nicht einer theoretischen Wesensaussage, sondern es ist einzelwissenschaftlichen Fragen unterworfen, deren Ergebnisse weder durch uns selbst noch durch eine Wissenschaft zusammengefasst werden können, da hierzu keine einheitlichen Gesichtspunkte zur Verfügung stehen. Wir zweifeln nicht an der Ichhaftigkeit des Menschen ebenso wenig wie wir die Unterscheidung zwischen Vernunft und Trieb gänzlich aufgeben, aber die in der Selbstreflexion zum Ausdruck kommende ichhafte Erscheinung des Menschen kann nicht von der Erfahrung abgetrennt werden. Sie ist die Basis jeder Betrachtung über den Menschen. Diese kann verschiedene Formen annehmen: die individuelle oder historische Sicht, die äußere Beobachtung oder die soziologisch fundierte abstrakte Modellkonstruktion. Die Lebenswelt des Einzelnen und die Wissenschaft bedürfen allerdings ebenso der Rückbindung wie das Ich seine mitmenschlichen Bezüge anerkennen muss, wenn sich seine Selbstverwirklichung vollziehen soll.

Der im vorgestellten Werkzyklus benutzte Begriff der „Häutungen“ hebt auf die Erfahrungen des modernen Menschen ab, die er im geschichtlich-gesellschaftlichen Raum macht und die seine innere und äußere Situation bedingen. Dieser Prozess bleibt offen, seine Unabgeschlossenheit ist geradezu strukturgebend.

Den leicht verfremdeten Bildern des Zyklus liegen der Natur entlehnte Objekte zu Grunde. Der naturalistische Charakter lässt sich stets erkennen. Die Wahl der Motive und ihre Komposition, die mehr oder weniger radikale Reduktion des Ausschnitts, die Suche nach bewegten Formen, nach Überschneidungen und Aufbrüchen, nach einem Wechselspiel der Flächen sowie der Verbindung von Innen und Außen sollen auf die Vielgestaltigkeit der menschlichen Erfahrungswelt bzw. ihrer Vermittlung verweisen.

Die Fotografie ist hier demnach nicht naturalistische Wiedergabe äußerer Dinge oder die detailgetreue Dokumentation eines Objekts. Sie stellt sich letztendlich als sinnbildliche Arbeit einer indirekten Vermittlung menschlicher Ichhaftigkeit dar. Mit dem fotografischen Bild wird demzufolge nicht der Versuch unternommen, das Objekt an sich zur Anschauung zu bringen. Vielmehr ist das Bild über das visuelle Ereignis hinaus ein symbolisches Reflexionsmedium, das eine Idee des Künstlers illustriert. Gleichzeitig soll es die Wahrnehmung des Rezipienten beeinflussen.

Die Wahl des fotografischen Objekts ist insofern nicht beliebig. Seine Betrachtung erschöpft sich indes nicht im Enthüllen des Objektcharakters, sondern sie evoziert ambivalente Assoziationen und Interpretationen. Ästhetisch haben daher technische Perfektion, etwa Schärfe und Detailgenauigkeit oder überhaupt Präzision, keinen Vorrang, hingegen sollen Kontraste von Schärfe und Unschärfe, von Licht und Schatten, von Hell und Dunkel, von Sichtbarem und Verborgenem sowie die Intensität des Farbenspiels das Wahrnehmen und Nachdenken provozieren und intensivieren.

Häutungen 1
Häutungen 2
Häutungen 3
Häutungen 9
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