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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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Dekomposition. Fragment und Form.

 

Rede zur Eröffnung der Ausstellung „Dekompositon“ in der Galerie im Stift im Museum der Stadt Bad Hersfeld. 16. September 2016.

 

Der Titel „Dekomposition“ für meine Ausstellung mag auf den ersten Blick etwas sperrig klingen und angesichts materialreicher Werke Fragen aufwerfen. Kann man vor diesem Hintergrund von Auflösung oder, wenn man noch weiter gehen will, gar von Verfall oder Zerstörung sprechen? Nun, auf diese Fragen muss in mehrfacher Hinsicht geantwortet werden:

 

Wenden wir uns der gegenwärtigen Wirklichkeit zu, können wir nicht umhin festzustellen, dass diese nicht mehr als Einheit oder als Ganzes zu erfahren ist. Der stete Wandel lässt es nicht zu, dass wir unsere Welt als unverbrüchliche Ordnung wahrnehmen können. Wir müssen vielmehr anerkennen, dass die Wirklichkeit durch eine Vielfalt gegensätzlicher Strukturen charakterisiert und insofern nur als Geschehenszusammenhang zu verstehen ist.

 

  Vor dem Hintergrund dieser Einsicht können wir die Auflösung als ein grundlegendes Element einer komplexen Welt erkennen, in der das Fragment nicht nur allgegenwärtig, sondern auch als Form gesellschaftlicher und individueller Existenz zu begreifen ist. Denken wir nur, um ein Beispiel aus dem Alltagsleben aufzugreifen, an die Fragmentierung familiärer Beziehungen, die selbst der Kleingruppe den verlässlichen Rahmen eines Ganzen nimmt, unter Umständen nicht einmal identitätsstiftend wirken kann.

 

  Möglicherweise nehmen wir die Wirklichkeit aber auch insofern als Fragment wahr, weil ihr Zustand durch Defizite geprägt wird. Das Fragment fordert in diesem Fall zum Handeln auf, verlangt Eingriffe in der Hoffnung auf zukunftssichernde Lösungen.

 

  Ästhetisch fesselt am Fragment die Eigenschaft des Übergangs: In der Auflösung entwickelt sich eine Spannung zwischen Form und Formlosigkeit, mithin eine Brückenlage, die sich durch Ambivalenz auszeichnet. Das Aufgelöste oder sich in Auflösung Befindliche stellt sich als Variation des vormals Vorhandenen dar. Es kann Individualität gewinnen, indem es eine autonome Form annimmt.

 

In meiner objektbezogenen Fotografie, die sich mit Prozessen der Korrosion oder, allgemeiner ausgedrückt, mit der Vergänglichkeit des Materials auseinandersetzt, wird der fragmentarische Charakter der Dinge unmittelbar sichtbar. Die Zersetzung zeigt sich in ihrer Prozesshaftigkeit oder sie gibt sich als Ergebnis zu erkennen. In jedem Fall wird die Dekomposition zum Instrument des Neuen, da sie sich vom ursprünglichen Kontext befreit und im angenommenen Zustand eine selbständige Qualität findet.

 

Technisch gesehen, das soll hier nicht unerwähnt bleiben, richtet sich der Blick des Fotografen nie auf das Ganze, da es ohnehin verloren ist und durch eine objektiv anmutende Abbildung auch nicht suggeriert werden soll. Es bleibt also nur der Zugriff auf das Detail, auf den bewussten Umgang mit dem Ausschnitt, der gleichwohl über die Sache selbst bzw. das Objekt hinausweist.

 

Im Hinblick auf meine skulpturalen oder plastischen Arbeiten erfordert das Erleben der Dekomposition ein komplexeres Sehen. Sie wird sowohl in die Bearbeitungsweise des Materials als auch in die Wahl der Materialien eingebettet. Es ist die Suche nach der offenen Form, die vom Kontrast zwischen Materialität und Linearität, vom Gegensatz in den Flächenstrukturen lebt. Der geschlossenen Körper wird gleichsam aufgebrochen, er erhält eine dekompositorische Struktur. Neben den Eingriff tritt sodann die Beziehung, d. h. die Rhythmisierung und Dynamisierung des Raums durch die Spannung zwischen bruchhafter Materialität und bewegter Linie.

 

Der Einsatz der Farbe, insbesondere von Lacken mit Metalleffekt, dient dabei der Abstraktion oder, um einen anderen Begriff zu nutzen, der Entfremdung – der Entfremdung vom ursprünglichen Zusammenhang; sie bricht dem Neugeschaffenen in nachhaltiger Weise Bahn.

 

Die Dekomposition als Gestaltungsprinzip nutzt die Möglichkeiten der Auflösung als Formen der Variation, um Übergänge zu etwas Neuem, zu etwas Eigenem zu erarbeiten. Im Ensemble der Materialien, ihren Formen, Beziehungen und Verhältnissen wird schließlich das Dekompositorische überwunden, indem es in der Komposition, dem Gestalteten, mündet.

 

Bei meinen Metallplastiken, die in der Regel im Sandgussverfahren hergestellt werden und als Material Aluminium bevorzugen, verfolge ich ein Arbeitsprinzip, das man als duales Verfahren bezeichnen könnte. Schon im Modell werden unterschiedliche Strukturen angelegt zwischen rauen, mitunter naturbelassenen, Texturen und geglätteten bzw. polierten Teilen, bewegt durch eine klare Linienführung.

 

Nach dem Guss erfolgen konzentrierte Arbeitsschritte, um den Charakter der Dualität zu intensivieren: Den Bruchlinien der einen Seite treten die hochpolierten Flächen der anderen Seite gegenüber. In ihrem Wechselspiel sollen sie die Dynamik des Materials potenzieren. In der Dualität des Werkes erscheint das einzelne Element sowohl in seiner eigenen Beschaffenheit als auch in Beziehung zu anderen Elementen als Fragment. Wenn ich beim Beispiel der Metallplastik verbleibe, erscheint der kontrastierende Charakter im unterschiedlichen Verhältnis der Seiten. Im Zusammenwirken der Teile gewinnt das Fragment jedoch eine eigenständige Form, die sich in einem neuen Kontext entfaltet.

 

Wenn ich unter diesen Gesichtspunkten zum Ausgangsgedanken meiner Ausführungen zurückkehre, nämlich zur Erfahrung der Wirklichkeit als Geschehenszusammenhang, die für uns nicht mehr eine unmittelbar greifbare Gegebenheit darstellt, dann wird mit dem Werkprinzip der Dualität der Versuch unternommen, eine Dialektik zu visualisieren, die als solche auf die gesellschaftliche Existenz des Menschen verweist. In der Dualität der Plastik zeigt sich gleichsam die Dualität des Menschen in seinem widersprüchlichen Sein zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Das auf dem Wege der Dekomposition gegründete Fragment kann darüber hinaus zum Symbol des Verhältnisses von Gelingen und Scheitern menschlichen Handelns werden. Gegenüber einer Realität, die uns den Blick für das Ganze verwehrt, wird uns die Verpflichtung ethisch gebundenen Handelns nicht abgenommen, unabhängig von der Gewissheit seines Gelingens.

 

Mit diesen Worten möchte ich schließen und mich für Ihre Aufmerksamkeit bedanken.   

 

            Ausschnitte aus dem Werkzyklus "Dekompositionen"

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