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Priv.-Doz. Dr. phil. habil. Berthold Grzywatz


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                  Das Fragment als Form.                                           Eine fotografische Praxis

Dekompositionen V

Wenn wir die Wirklichkeit als Geschehenszusammenhang verstehen, müssen wir anerkennen, dass sie keine feste, stets greifbare Gegebenheit ist. Das Sein stellt keine unverbrüchliche Ordnung dar, selbst in seinen Teilbereichen nicht. Der Verlust eines Ganzen lässt kein einheitliches Weltbild mehr zu. Mögen Dinge und Menschen auf vielfältige Weise miteinander verflochten sein, – denken wir nur an das Verhältnis von Wissenschaft und gesellschaftlichem Alltagsleben – sie sind grundlegend durch gegensätzliche Strukturen gekennzeichnet.

 

Das Ganze ist in seiner Unmittelbarkeit dem Denken des Ich und seiner Erfahrungswelt nicht mehr zugänglich zu machen. Daran ändert der Umstand nichts, dass geschichtliches Handeln nur vor dem Hintergrund umgreifender Zusammenhänge geschehen kann. Die individuelle Existenz ist zudem in Entwicklungsprozesse eingebunden, die durch die Permanenz des Wandels charakterisiert sind, so dass jenseits des direkten Alltags kaum eine identitätsstiftende Positionierung möglich zu sein scheint. An diesem Punkt setzt das fotografische Projekt „Dekompositionen“ von Berthold Grzywatz an, indem die Auflösung als konstitutives Element der Wirklichkeit wahrgenommen wird. Die Allgegenwärtigkeit der Auflösung macht das Fragment zu einer festen Form des Seins, die nicht in der Formlosigkeit aufgeht und unter dem Verlust des Kontextes auch nicht in der Spurlosigkeit endet.

 

Die Auflösung ist vielmehr der Ausgangspunkt einer Neu- und Weiterbildung. Durch das Zerlegen eines Vorhandenen in eine Vielfalt von Teilen beginnt ein Zusammensetzen zum Neuen. Das kann eine Variation des vormals Vorhandenen sein oder die Stiftung einer anderen Individualität. Dies schließt nicht aus, dass sich in einzelnen Fällen am Ende der Auflösung Leere einstellt, mithin Übergänge nicht mehr möglich sind. In diesem Fall muss von Zerstörung gesprochen werden. Dann bleibt zu fragen, ob das Zerstörte nicht zum Material anderer Bestimmungen wird. In jedem Fall können wir das Aufgelöste – sei es nun in der materiellen Welt oder sei es in der menschlichen Gesellschaft – als Fragment erkennen. Es zeigt sich gegenüber Eingriffen offen – vielleicht werden diese sogar erwartet, weil der vorhandene Zustand mit Defiziten belastet ist.

 

Das Fragment unterliegt  keinem zeitlichen Regulativ: Es kann nur ein kurzfristiger Zustand sein, in einer längerfristigen Periode aufgehen oder zur existentiellen Form werden, wenn wir beispielsweise an das unvollendete Werk eines Dichters denken. Das ambivalente Verhältnis zur Zeit macht die substantielle Eigenheit des Fragments deutlich – und sei es nur, um ein weiteres Beispiel zu nennen, dass im Überrest eines kurzlebigen industriellen Papiers ästhetische Qualitäten gesehen werden, die später Anlass für seine Einbindung in einen Werkzusammenhang sind.

 

Die ästhetischen Qualitäten des Fragmentarischen erschließen einen wesentlichen Beweggrund für die Arbeiten von Berthold Grzywatz. Seine objektzentrierte Fotografie, die niemals Dokumentation ist und überdies nicht sein will, sucht in Zyklen wie „Verfremdungen“ oder „Dekompositionen“ die Ambivalenz des Fragments aufzunehmen, die Spannung zwischen Form und Formlosigkeit auszuloten und im Zustand des Übergangs die Eigenheit des Aufgelösten zu entdecken.

 

Die von ihm ausgewählten Objekte sind unserem unmittelbaren Alltagsleben entnommen. Es sind Gebrauchsgegenstände, die zur industriellen Umwelt bzw. im weiteren Sinne zum gewerblichen Leben gehören. Es können aber auch Gegenstände der Natur sein, die durch ausschnitthafte Isolierung eine Reduktion der Form erfahren, während gleichzeitig mit diesem Verfahren etwas Neues hervorgebracht wird. Berthold Grzywatz beobachtet Prozesse der Korrosion an Materialien wie Stahl und Kupfer oder Zersetzungen an Steinen und Lacken. Abhängig vom Material und den einwirkenden Faktoren kann die Auflösung fortwährend andauern oder zum Stillstand kommen, indem kaum sichtbare, angegriffene Schichten gegenüber einer weiteren Auflösung abschirmen. Grzywatz sieht in der Zersetzung, die das Objekt zum Fragment werden lässt, eine Brückenlage, die Fragen aufwirft, die zum Zeichen für die Unabdingbarkeit des Handelns wird, wo der Verlust des Ganzen den Charakter einer Bedrohung annimmt und verunsichert.

 

Die eigene Qualität des verfremdeten oder dekomponierten Objekts birgt indessen noch ein anderes Moment: In seiner ästhetischen Struktur kann es sich dem Handlungsgebot verschließen und Autonomie gewinnen. Das Aufgelöste entfaltet sich gleichsam in einem eigenen Raum. Es verweigert sich in der Konkretheit seiner Situation der Rationalität des Handelns, d. h. dem an Sachbezügen orientierten Tun. Womöglich wird das Fragment in seiner spezifischen Form der Offenheit zum Symbol einer Dialektik von Gelingen und Scheitern. In dieser vermittelten Weise dokumentiert das Fragment dann doch etwas, nämlich die unaufhebbare Schwierigkeit, in einer durch den Verlust des Ganzen ausgewiesenen Situation stets das Ganze in Abwägung der Vielfalt vorhandener Ansätze zu gestalten. 

 

                         "Dekompositionen"

Dekompositionen I
Dekompositionen II
Dekompositionen III
Dekompositionen IV
Dekompositionen V
Dekompositionen VI
Dekompositionen VII
Dekompositionen VIII
Dekompositionen IX
Dekompositionen X
Dekompositionen XI
Dekompositionen XII
Dekompositionen XIII
Dekompositionen XIV
Dekompositionen XV
Dekompositionen XVI
Dekompositionen XVII
Dekompositionen XVIII
Dekompositionen XIX
Dekomposition XX
Dekompositionen XXI
Dekompositionen XXII
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