"Surreales Tagebuch"

Es gibt Augenblicke der Erschöpfung, da schließen wir die Augen und begeben uns in einen Raum der Leere. Er ist nur schwach beleuchtet, strahlt ein mattes Licht aus wie ein milder Herbsttag, dessen Sonne durch Nebelschwaden verschleiert wird. Im diffusen Schein verwandeln sich die Dinge. Sie folgen nicht mehr ihren eigentlichen Zwecken, sondern schließen sich zu einem Reigen zusammen, der sich nach dem Lauf durch endlose Räume in einer Welt wiederfindet, in der wir uns selbst gegenübersitzen und die Realitäten unseres Seins als willkürliche Disposition sehen.

 

Vor dem inneren Auge entfalten sich neue Zusammenhänge, entwickeln sich bis dahin unbekannte Alternativen, werden ungeahnte Handlungsabläufe entfacht, die nach der Einkehr von Ruhe verstören oder das Leben mit dem Gewöhnlichen aus dem Gleichgewicht bringen. Manche mögen in die Egozentrik einer Parallelwelt entfliehen, manche in der Fantasie ein wild wucherndes Ventil finden.

 

Der Surrealismus glaubt an das absichtsfreie Spiel der Gedanken, an die Allgewalt des Traumes und sucht durch die Hinwendung zum Unbewussten zu einer Art absoluter Realität vorzudringen. Ein Akt gegen Logik, Vernunft und Rationalität und insofern ein Akt der Befreiung gegen die durch Wissenschaft und Empirie bestimmte industrielle Zivilisation. Der magische Realismus nutzt das in Träumen und Mythen manifestierte Imaginäre als literarisches Mittel, um weitere Darstellungs- und Handlungsebenen aufzuschließen.

 

In seinem neuen Lyrikprojekt „Surreales Tagebuch“ macht Berthold Grzywatz instruktiv von den Möglichkeiten des Überschreitens der Wirklichkeit Gebrauch. Das beliebige Verwenden von Raum und Zeit, das Spiel mit verschiedenen Handlungsebenen, mit Begegnungen und Situationen, mit Verknüpfungen und Beziehungen, mit Einflussnahmen und Abgrenzungen erfolgt unter der Perspektive der Selbsterkundung des Ichs in seiner individuellen und gesellschaftlichen Situierung. Es geht dabei aber weder um psychische Improvisationen eines krisenhaft bedrohten Menschen noch um Exploritationen des Unbewussten, zudem wird kein künstlerischer Prozess angestrebt, in dem Material und Methoden autonom zu Form und Inhalt zwingen, und schon gar nicht ist an eine Remythisierung gedacht, vielmehr bleibt das Überschreiten des Realen ein Instrument des gesellschaftskritischen Diskurses.

 

Das Finden der Wirklichkeit ist in diesem Diskurs ein asymmetrischer Prozess. Wie die subjektiv verbrauchte Zeit kennt er keine Einheitlichkeit, nutzt er die Möglichkeiten der Modifikation und des Widerspruchs, mitunter löst er sich auf, verliert er seine innere Konsistenz. Gleichwohl bedeutet das nicht den Verlust von Welt, deren Inventar Gedanken und Erinnerungen, Vorstellungen und Träume, Bewusstes und Unbewusstes, Ich und Nicht-Ich bewegen. Es handelt sich nicht um ein Tagebuch im herkömmlichen Sinn, dem Zeitkontinuum unterworfen, mit Eintragungen in Korrespondenz zu einem aufgezwungenen Ablauf, eher um ein Szenarium der Möglichkeiten. 

 

Ich                                                         Die Rede

Auf der Rückbank                                    Klüfte

Traumreise                                             Auf See

Dachlandschaften                                   Die Wahl 

Der Gletscher                                         In den Straßen

Im Cafe                                                  Vor dem Cafe

Der Kongress                                          Ich und Ich

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