Der Migrant

Ahnatal, Kunst im kommunalen Raum – Die Metallplastik „Der Migrant“ (Metall-guss, Aluminium) wird mit Mitteln der Stadt Ahnatal, der Kulturstiftung des Land-kreises Kassel und weiterer Sponsoren im Gemeindegebiet installiert werden. Zunächst war an die Errichtung des Kunstwerks in einer Parkanlage gedacht wor-den, die eine Schnittstelle zwischen den drei Gemeindeteilen Weimar, Kammerberg und Heckershausen bildet. Nach Gemeindebeschluss soll das Standortkonzept unter Bürgerbeteiligung neu entwickelt und die Plastik dann an dem gefundenen Standort installiert werden.

Berthold Grzywatz

 

KUNST IM KOMMUNALEN RAUM

 

Errichtung einer Plastik im Gebiet der Stadt Ahnatal

„Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“

(Werktitel)

 

 

 

Entwicklung eines Standortkonzepts

 

 

 

 

1. Kunstwerk und Standort – Allgemeine Anmerkungen zur Positionierung des Kunstwerks „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“

 

Allgemein betrachtet, erfordert ein Standortkonzept für die Errichtung eines Kunstwerks im öffentlichen Raum die Berücksichtigung von zwei wesentlichen bzw. entscheidenden Aspekten: Einerseits müssen die technischen Voraussetzungen des Kunstwerks beachtet werden, andererseits die inhaltlichen Zielsetzungen, die mit dem Werk verbunden werden. Darüber hinaus dürfen – ich nenne es einmal – die objektiven Gegebenheiten im kommunalen Raum nicht vernachlässigt werden, denn aus gemeinhin einsehbaren Gründen steht in einer Gemeinde nicht beliebig nutzbarer Raum zur Verfügung. Weiterhin kann das Verhältnis zwischen den Rezipienten, d. h. den Bürgerinnen und Bürgern der Gemeinde, und dem Kunstwerk nicht außer Acht bleiben. Da durch den Beschluss der Gemeindevertretung Ahnatals zur Finanzierung des Werks eine Zustimmung zum Kunstprojekt erfolgt ist, tritt dieser Aspekt indessen in den Hintergrund, so dass vor allem die zuerst genannten Fragen erörtert werden sollen.

Im Hinblick auf die technischen Voraussetzungen des Kunstwerks ergeben sich keine gravierenden Raumprobleme, da die Skulptur weder raumgreifend ist noch anlagebedingte aufwendige Anforderungen an den Raum stellt.

Es verbleiben mithin nur allgemeine Erfordernisse an den Raum wie die allgemeine Zugänglichkeit zum Kunstwerk, seine Freistellung, d. h. die Plastik muss von allen Seiten frei anzusehen sein, und insbesondere die Betrachtung aus der Nähe erlauben, da der Bildhauer mit unterschiedlichen Oberflächentexturen arbeitet, die in ihrer kontrastierenden Wirkung wahrnehmbar bzw. direkt erfahrbar sein müssen.

Mit dem Anspruch auf ein unmittelbares Erfassen der Skulptur oder dem Verlangen nach einer direkten Konfrontation mit dem Kunstwerk bewegen wir uns bereits auf das Gebiet der inhaltlichen Dimension.

Vergegenwärtigen wir uns daher nochmals kurz die inhaltlichen Aspekte des Kunstwerks. Die Skulptur „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“ bezieht sich auf das ethisch gebundene Handeln des Menschen vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Fremde und Fremdsein.

Die Fremde wird zum einen im Außenverhältnis, d. h. in der Spannung zwischen der vorhandenen Gesellschaft und zugewanderten Menschen sowie den erforderlichen Integrationsleistungen gesehen. Zum anderen im Innenverhältnis, demzufolge bedürfen die Beziehungen zwischen dem Individuum oder einzelner Gruppen zur Gesellschaft eines lebendigen Dialogs, um die Allgegenwärtigkeit des Fremden in der Gemeinschaft zu überwinden.

Räumlich gesehen – und wir sprechen hier ja von einem Standortkonzept – muss die Wahl des Ortes sowohl Nähe als auch Distanz zulassen. Unter diesen Gesichtspunkten können nicht Aufstellungsorte in Betracht kommen, die einen kommunikativen Dialog mit dem Kunstwerk oder das betrachtende Sich-Versenken in seine einzelnen Dimensionen ausschließen. Mit anderen Worten: Die Skulptur verlangt die gesellschaftliche Anbindung, eine menschenferne Errichtung, etwa an einem Ort in der Natur, kann nicht in Frage kommen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2. Vorschläge zur Standortwahl

 

Vor dem Hintergrund der allgemeinen Erläuterungen zu den Voraussetzungen eines Standorts und den örtlichen Gegebenheiten in der Gemeinde Ahnatal wurde vorbereitend eine Auswahl an möglichen Orten vorgenommen, die im Einzelnen erörtert werden sollen. Es ist vorauszuschicken, dass es den „idealen Standort“ unter den Bedingungen einer historisch gewachsenen Gemeinde nicht gibt. Es muss also immer ein Kompromiss gefunden werden. Ein Kompromiss, der sich in einem bürgerschaftlichen Dialog entfaltet. Als Künstler habe ich versucht, den Charakter der ausgewählten Orte unter einem Stichwort zusammenzufassen, so dass sich für die Diskussion schon eine Orientierung ergibt. Damit soll freilich das Ergebnis nicht vorweggenommen werden.

 

 

I           „Kommunikative Nähe“

            Freiflächen im Bereich des ökumenischen Zentrums am                                            Kammerberg

 

II         „Öffentliche Ausstrahlung“

Freifläche im Bereich des Kreisverkehrs zwischen den Ortsteilen Kammer-berg und Weimar

 

III        „Partnerstädtische Verbindung“

Freifläche im Bereich der Sportanlagen und des partnerstädtischen Plat-zes zwischen Heckershausen und Kammerberg

 

 

2.1.    „Kommunikative Nähe“

            Freiflächen im Bereich des ökumenischen Zentrums am Kammerberg

           

Das Ökumenische Zentrum am Kammerberg stellt einen Ort vielfältiger Initiativen und Begegnungen dar. Insofern ist er als ein Ort gelebter kommunikativer Strukturen zu betrachten, die geradezu eine Korrespondenz mit dem Kunstwerk herausfordern. Die Freiflächen im Umkreis des Gebäudes liegen mehr oder weniger in enger Anbindung an die Baulichkeiten, somit kann im Verhältnis von Standort und Kunstwerk von einem „intimen“ Charakter gesprochen werden. Die Skulptur befände sich gewissermaßen inmitten der bürgerschaftlichen Gemeinschaft; der Ort gebietet Nähe, aber je nach der im Besonderen gewählten Aufstellungsposition auch in gewissem Umfang Distanz.

Zunächst wäre an eine Position zur linken Seite des Eingangs zum Ökumenischen Zentrum zu denken. Hier ist soweit Raum vorhanden, dass eine freie, nach allen Seiten hin mögliche Wahrnehmung des Kunstwerks gegeben ist. Allerdings befindet sich hier eine neue Anpflanzung eines größeren Gehölzes, das langfristig die Wahrnehmung beeinträchtigen könnte.

Der Platz zur rechten Seite des Ökumenischen Zentrums wird durch eine Bepflanzung mit niedrigen Büschen besetzt, die einer Errichtung der Skulptur an diesem Platz weichen müsste. Der Ort hat den Vorteil einer unmittelbaren Nähe zum Publikumsverkehr – auch von der Berliner Straße her. Freilich verschließt sich der Ort einer Betrachtung des Kunstwerks aus der Distanz, zudem wird auch die allseitige Wahrnehmung des Kunstwerks durch die Enge des Ortes eingeschränkt.

Auf der rückwärtigen Freifläche des Ökumenischen Zentrums bietet sich mehr Raum an. Er bietet eine Korrespondenz mit den Baulichkeiten sowie Ausblicke auf das Kunstwerk von den Innenräumen des Gebäudes her. Es ist unterdessen nicht zu übersehen, dass die rückwärtige Freifläche nicht mehr die kommunikative Nähe herstellt, wie sie sich auf den Flächen im Eingangsbereich des Ökumenischen Zentrums ergibt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2.2.    „Öffentliche Ausstrahlung“

            Freifläche im Bereich des Kreisverkehrs zwischen den Ortsteilen           Kammerberg und Weimar

             

 

 

Die Freifläche im Straßenbereich des Kreisverkehrs an den örtlichen Eingängen zu den Gemeindeteilen Weimar und Kammerberg sowie in lockerer Anbindung an die hier angesiedelten Gaststätten würde in ihrem Kern eine eher öffentliche Wirkung des Kunstwerks hervorrufen. Die Wahrnehmung vollzieht sich vorwiegend aus der Distanz, möglicherweise nur im Vorbeifahren. Insgesamt dürfte die Wahrnehmung jedoch von größerem Ausmaß sein.

 

Eine unmittelbare Verbindung zum Betrachter, auch dem flanierenden Bürger, stellt sich eher weniger ein. Hier wäre die Aktivität des Einzelnen gefordert, sich dem Kunstwerk zu nähern, um eine inhaltliche Auseinandersetzung oder ein rezeptives Versenken in seine Ausdrucksformen zu ermöglichen

.

Ein ästhetischer Nachteil dieses Ortes mögen die zur linken Kammerbergseite hin vorhandenen schuppenartigen Baulichkeiten sein.

 

 

2.3.    „Partnerstädtische Verbindung“

            Freifläche im Bereich der Sportanlagen und des partnerstädti-               schen Platzes zwischen den Ortsteilen Heckershausen und                   Kammerberg

           

 

 

Die Freifläche im rückwärtigen Raum der Stahlberg-Kampfbahn sowie der Verbindungsstraße Brückenmühle gegenüber dem Feuerwehrgebäude ist als öffentlich wirksamer Ort zu sehen. Die Randbepflanzung durch größere Bäume sowie die Heckenbepflanzung im Bereich des östlich unmittelbar angrenzenden partnerstädtischen Platzes geben dem Ort insgesamt einen parkähnlichen Charakter. Die Gesteinsstelen des Partnerschaftsplatzes stellen an diesem Ort bereits skulpturale Elemente dar, die gleichsam mit dem neu positionierten Kunstwerk korrespondieren können.

 

Voraussetzung einer Verbindung wäre indessen eine gärtnerisch gestaltet Öffnung des Platzes zur Gesamtfläche des Ortes hin, so dass im Ansatz ein künstlerisches Gesamtensemble entsteht. Bei der Größe der Freifläche müssten allerdings zukünftig neben dem neuen Kunstwerk weitere Arbeiten aufgestellt werden. Auf diese Weise könnte ein Skulpturenpark entstehen, der sich in der Lage erweist, kommunikative Strukturen zu erzeugen. Weiterhin ließe sich an eine Fortführung des Skulpturenparks in das übrige Gemeindegebiet denken.

 

Bleiben wir bei der aktuellen Aufgabe des Standortkonzeptes für ein einzelnes Kunstwerk lässt sich nicht übersehen, dass dieser Ort von der Wahrnehmungsseite her durch eine Distanz zum Werk geprägt ist. Es wird stets darauf ankommen, den Bürgerinnen und Bürgern ein besonderes Bemühen abzuverlangen, die Konfrontation bzw. die Auseinandersetzung zu suchen.

 

 

 

3.  Kunst als Wirkungsträger im öffentlichen Raum – Schlussbetrachtung

 

Mit der Entscheidung der Stadt Ahnatal die Skulptur „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“ im öffentlichen Raum des Gemeinwesens zu errichten, ist zweifelsohne die Absicht verbunden, das Kunstwerk als Quelle für Diskussion und Diskurs zu nutzen und gleichzeitig dem Gemeinderaum, wenn auch vorerst an einem einzelnen Beispiel, eine besondere ästhetische Qualität zu verleihen. Die Gemeinde mag sich dabei bewusst sein, dass Kunst nicht nur ein Standortfaktor sein kann, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern einer pluralistisch orientierten Gesellschaft über den Zugang zur zeitgenössischen künstlerischen Kreativität und Innovation die Mitwirkung an gesellschaftlichen Entwicklungen eröffnet.

 

Die Kunst im Besonderen wie die Kultur im Allgemeinen ist stets als Teil der Grundlagen des demokratischen Gemeinwesens zu verstehen. Mit dem Engagement, Kunst im öffentlichen Raum der Gemeinde zu präsentieren, werden sowohl Formen der Teilhabe als auch eine Sensibilisierung für die aktuellen Probleme in der Gesellschaft sowie für die Gestaltungsformen und Inhalte von Kunst realisiert.

 

In jedem Fall erscheint es wichtig, über die Teilhabe hinaus Perspektiven der aktiven Mitwirkung bei der Umsetzung kommunaler Kunstprojekte zu entwickeln. In diesem Sinne zeichnet sich die Standortsuche unter Bürgerbeteiligung als wichtiger Impulsgeber aus.

 

Der Migrant - Teilausschnitt

Die Gemeinde Ahnatal lud durch den Bürgermeister Michael Aufenanger zur Veranstaltung "Kunst im kommunalen Raum" am 18. März 2019 in das Ökumenische Kirchenzentrum am Kammerberg ein. an diesem Abend wurde die Skulptur von mir präsentiert und erläutert, sodann wurde in öffentlicher Diskussion die Standortfrage für die Errichtung der Skulptur im Gemeindegebiet beraten.

Nach der öffentlichen Beratung wurden die Ergebnisse in einem Standortkonzept von mir zusammengefasst.

BERTHOLD GRZYWATZ

KUNST IM KOMMUNALEN RAUM

 

Standortkonzept zur Errichtung der Skulptur „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“ im Gebiet der Gemeinde Ahnatal

 

 

1. Kunst im kommunalen Raum

 

2. Kunst als öffentlicher Wirkungsträger

 

3. Perspektiven der öffentlichen Kunstpräsentation in Ahnatal

 

4. Die Standortwahl in der öffentlichen Beratung

 

4.1. Überblick zur öffentlichen Diskussion der Standorte

4.2. Allgemeine Voraussetzungen des Standortes

4.3. Die Standortvorschläge

4.4.Ergebnis der Standortberatung

 

5. Anstelle einer Schlussbetrachtung - Anmerkungen des Kü+nstlers zu den Standorten

 

 

1. Kunst im Kommunalen Raum

 

Kunst prägt in vielen Kommunen das Stadtbild. Mitunter ist sie ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Entwicklung; auf diese Weise leistet sie einen wichtigen Beitrag zur Identität der Gemeinde. Dabei müssen die Kunstwerke nicht immer ein Identifikationsobjekt sein oder gar zum Symbol einer Kommune werden. Wichtiger erscheint heute die Bedeutung des Kunstwerks als Quelle der Anregung für Gespräche und Diskussionen, womöglich für Auseinandersetzungen und Diskurse.

 

Kunst im kommunalen Raum hat aber nicht nur eine gesellschaftspolitische Bedeutung, sie dient auch der Inszenierung von Gemeinderäumen, Straßen und Plätzen. Sie verleiht dem Stadtbild eine besondere Ästhetik, die im Idealfall durch eine eigenständige Qualität und Unverwechselbarkeit charakterisiert ist.  

 

In der Gemeinde Ahnatal fehlt bislang eine Inszenierung des öffentlichen Raums durch Kunst bzw. Kunstwerke. Durch die Initiative, die kommunale Örtlichkeit mit Bildwerken anzureichern, wird ein Weg beschritten, die Gemeinde attraktiver und interessanter zu gestalten. Damit soll dem Auftritt der Gemeinde nach innen und außen eine besondere Ausstrahlung gegeben werden. Mit dem Beschluss der Gemeindevertretung, Haushaltsmittel für die Errichtung des Kunstwerks „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“  im kommunalen Raum zur Verfügung zu stellen, ist ein nachhaltiger Weg beschritten, der Kunst zukünftig im öffentlichen Leben der Gemeinde einen angemessenen Platz einzuräumen.

 

 

2. Kunst als öffentlicher Wirkungsträger

 

Es ist davon auszugehen, dass sich die Entscheidung der Gemeinde Ahnatal die Skulptur „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“ im öffentlichen Raum des Gemeinwesens zu errichten, die Absicht verbindet, die Kunst bzw. das einzelne Kunstwerk als Quelle für Diskussion und Diskurs zu nutzen. Gleichzeitig soll dem Gemeinderaum, wenn auch vorerst an einem einzelnen Beispiel, eine besondere ästhetische Qualität verleihen werden. Die Gemeinde mag sich dabei bewusst sein, dass Kunst nicht nur ein Standortfaktor sein kann, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern einer pluralistisch orientierten Gesellschaft über den Zugang zur zeitgenössischen künstlerischen Kreativität und Innovation die Mitwirkung an gesellschaftlichen Entwicklungen eröffnet.

Die Kunst im Besonderen wie die Kultur im Allgemeinen ist stets als Teil der Grundlagen des demokratischen Gemeinwesens zu verstehen. Mit dem Engagement, Kunst im öffentlichen Raum der Gemeinde zu präsentieren, werden sowohl Formen der Teilhabe als auch eine Sensibilisierung für die aktuellen Probleme in der Gesellschaft sowie für die Gestaltungsformen und Inhalte von Kunst realisiert.

 

Der Migrant - Teilausschnitt

3. Perspektiven der öffentlichen Kunstpräsentation in Ahnatal

 

Die Profilierung des kommunalen Raums mit einem Kunstwerk kann als Impuls oder Ausgangspunkt genutzt werden, um das öffentliche Auftreten der Gemeinde oder das öffentliche Ortsbild langfristig nachhaltig zu verändern. Die Gemeinde könnte auf der Achse zwischen dem Weltkulturerbe Wilhelmshöhe und dem bedeutenden Rokokoschloss Wilhelmsthal zu einem kreativen Ort zeitgenössischer Kunst gemacht werden.

 

Über einen Kunstpfad, der auch historische Baulichkeiten einbezieht, könnte die Kunst einen lebendigen Beitrag liefern, die einzelnen Gemeindeteile miteinander zu binden. Darüber hinaus würde sie die Identität der Gemeinde stärken und ein unverwechselbares Ortsbild schaffen. Die „Via Ars Communale“, wenn man sie einmal so nennen darf, könnte die Kunst zu einem Standortfaktor machen, die Attraktivität des Ortes heben und zudem die Identifizierung der Bürgerinnen und Bürger mit ihrer Gemeinde nachhaltig festigen. Mit der Einbeziehung der Achse zwischen Wilhelmshöhe und Wilhelmsthal wäre es sogar möglich, die kommunale Kunst in einen größeren Zusammenhang zu stellen.

 

 

4. Die Standortwahl in der öffentlichen Beratung

 

4.1. Überblick zur öffentlichen Diskussion der Standorte

 

Die Einladung des Gemeindevorstands zur öffentlichen Beratung der möglichen Standorte für das Kunstwerk fand ein überaus kreatives Echo, indem Bürgerinnen und Bürger die eröffnete Möglichkeit der Mitwirkung an der Standortwahl ebenso nachdrücklich wie konstruktiv nutzten.

 

Die vom Gemeindevorstand in Zusammenarbeit mit dem Künstler Berthold Grzywatz entwickelten Vorschläge zur Standortwahl wurden kompetent erörtert. In der Diskussion legten die Bürgerinnen und Bürger besonderen Wert darauf, die inhaltliche Zielsetzung des Kunstwerks und die Wahl des Standortes miteinander zu verbinden.

 

Am Ende wurde auf der öffentlichen Versammlung ein Standort favorisiert, der dem vom Künstler unterbreiteten Konzept eines wechselseitigen Verhältnisses von „Nähe und Distanz“ bei der Wahrnehmung des Kunstwerks wirkungsvoll Rechnung trägt.

 

 

4.2. Allgemeine Voraussetzungen des Standortes

 

 Bei der Wahl des Standortes für das Kunstwerk muss auf seine technischen Voraussetzungen und die inhaltlichen Zielsetzungen Rücksicht genommen werden.

 

Die technischen Voraussetzungen des Kunstwerks verursachen keine besonderen Raumprobleme, da die die Skulptur weder raumgreifend ist noch anlagebedingte aufwendige Anforderungen an den Raum stellt.

 

Wichtig sind hingegen die allgemeinen Erfordernisse an den Raum wie die ungehinderte Zugänglichkeit zum Kunstwerk und seine Freistellung, d. h. die Plastik muss von allen Seiten frei anzusehen sein, und insbesondere die Betrachtung aus der Nähe erlauben, da der Bildhauer mit unterschiedlichen Oberflächentexturen arbeitet, die in ihrer kontrastierenden Wirkung wahrnehmbar bzw. direkt erfahrbar sein müssen.

Mit dem Anspruch auf ein unmittelbares Erfassen der Skulptur oder dem Verlangen nach einer direkten Konfrontation mit dem Kunstwerk wird die inhaltliche Seite der künstlerischen Arbeit angesprochen.

 

Die Skulptur „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“ bezieht sich auf das ethisch gebundene Handeln des Menschen vor dem Hintergrund des Verhältnisses von Fremde und Fremdsein. Die Fremde wird zum einen im Außenverhältnis, d. h. in der Spannung zwischen der vorhandenen Gesellschaft und zugewanderten Menschen sowie den erforderlichen Integrationsleistungen gesehen. Zum anderen im Innenverhältnis, demzufolge bedürfen die Beziehungen zwischen dem Individuum oder einzelner Gruppen zur Gesellschaft eines lebendigen Dialogs, um die Allgegenwärtigkeit des Fremden in der Gemeinschaft zu überwinden.

 

Räumlich gesehen muss die Wahl des Standortes sowohl Nähe als auch Distanz zulassen. Unter diesen Gesichtspunkten können Aufstellungsorte, die einen kommunikativen Dialog mit dem Kunstwerk oder das betrachtende Sich-Versenken in seine einzelnen Dimensionen ausschließen, in Betracht kommen. Mit anderen Worten: Die Skulptur verlangt die gesellschaftliche Anbindung, eine menschenferne Errichtung, etwa an einem Ort in der Natur, widerspricht der inhaltlichen Zielsetzung des Kunstwerks.

 

 

Der Migrant - Basis der Skulptur

4.3. Die Standortvorschläge

 

Entsprechend dem Beschluss der Gemeindevertretung wurden Standorte vorgeschlagen, die unter Berücksichtigung der technischen und inhaltlichen Bedingungen des Kunstwerks als Aufstellungsorte empfehlenswert sind. Der Künstler hat den Charakter der ausgewählten Standorte unter einem Stichwort zusammengefasst und ihre Vor- wie Nachteile und unter Berücksichtigung der künstlerischen Absichten zur Diskussion gestellt. (Siehe das Expose von Berthold Grzywatz „Kunst im kommunalen Raum. Ein Projekt der Stadt Ahnatal - „Existentielle Ungewissheit oder der Migrant“, S. 11 ff.)

 

Folgende drei Vorschläge wurden der öffentlichen Beratung zugrunde gelegt:

 

I           „Kommunikative Nähe“

            Freiflächen im Bereich des ökumenischen Zentrums am Kammerberg

 

II          „Öffentliche Ausstrahlung“

Freifläche im Bereich des Kreisverkehrs zwischen den Ortsteilen Kammerberg und Weimar

 

III         „Partnerstädtische Verbindung“

            Freifläche im Bereich der Sportanlagen und des partnerstädtischen Platzes zwischen

            Heckershausen und Kammerberg.

  

Die Vorschläge wurden unter der Maßgabe diskutiert, dass es den „idealen Standort“ unter den Bedingungen einer historisch gewachsenen Gemeinde nicht geben kann. Mithin immer ein Kompromiss gefunden werden muss.

 

 

I   Fläche zur linken Seite des Eingangs zum ökumenischen Zentrum (Montage der Skulptur)

 

 

II   Freifläche rückseitig der Sportanlagen im Anschluss an den partnerstädtischen Platz (Montage der Skulptur)

 

 

Der Migrant - Position auf der Freifläche am Platz der Städtepartner

 

Die Freifläche ist als öffentlich wirksamer Ort zu sehen, von der Wahrnehmungsseite her ist der Ort durch eine Distanz zum Werk geprägt. Es wird stets darauf ankommen, dass Bürgerinnen und Bürgern initiativ werden, um die Konfrontation bzw. die Auseinandersetzung zu suchen. Die Randbepflanzung durch größere Bäume sowie die Heckenbepflanzung im Bereich des östlich unmittelbar angrenzenden partnerstädtischen Platzes geben dem Ort insgesamt einen parkähnlichen Charakter. Die Gesteinsstelen des Partnerschaftsplatzes stellen an diesem Ort bereits skulpturale Elemente dar, die gleichsam mit dem neu positionierten Kunstwerk korrespondieren können.

Voraussetzung einer Verbindung wäre indessen eine gärtnerisch gestaltete Öffnung des Platzes zur Gesamtfläche des Ortes hin, so dass im Ansatz ein künstlerisches Gesamtensemble entsteht. Bei der Größe der Freifläche müssten allerdings zukünftig neben dem neuen Kunstwerk weitere Arbeiten aufgestellt werden. Auf diese Weise könnte ein Skulpturenpark entstehen, der sich in der Lage erweist, kommunikative Strukturen zu erzeugen. Weiterhin ließe sich dann an eine Fortführung des Skulpturenparks in das übrige Gemeindegebiet denken.

 

III   Freifläche rechtsseitig des Kreisverkehrs vor dem Kammerberg (Montage der Skulptur)

 

 

4.4. Ergebnis der Standortberatung

 

In der öffentlichen Beratung der Standorte für das Kunstwerk hat sich eine Reihenfolge ergeben, wie sie vorhergehend absteigend unter den Nummern I bis III dargestellt ist.

 

Der wesentlichste Aspekt, der aus der Sicht der Mehrheit der Bürgerinnen und Bürger für eine Positionierung des Kunstwerks linksseitig des Eingangs zum Ökumenischen Zentrum spricht, ist die Notwendigkeit einer unmittelbaren kommunikativen Nähe zum bürgerschaftlichen Leben, die sich zwangsläufig aus der künstlerischen Intention ergibt. Das Ökumenische Zentrum wird als Ort vielfältiger Initiativen und Begegnungen gesehen, er ist insofern ein Ort gelebter kommunikativer Strukturen, die geradezu eine Korrespondenz mit dem Kunstwerk herausfordern.

 

Die direkte Nähe zum Kindergarten am Kammerberg ist nach dem Votum der Mehrheit überdies zu berücksichtigen, da man unter Anleitung einen Dialog zwischen der Kunst und den Heranwachsenden herstellen könnte. Außerdem ist das Ökumenische Zentrum als ein lebendiger Ort der Integration zu verstehen, so dass sich auch in dieser Hinsicht eine naherliegende Verbindung zur inhaltlichen Zielsetzung des Kunstwerks ergibt.

 

Die Minderheit hob in der Beratung hervor, dass die übrigen beiden zur Diskussion stehenden Standorte den Vorteil hätten, eine deutlich wirksamere öffentliche Wahrnehmung des Kunstwerks zu erzielen. Das künstlerische Werk würde vielfältiger und vielleicht auch nachhaltiger im gesamten Gemeindeleben, aber auch in der öffentlichen Präsentation an sich wahrgenommen werden.

 

 

 

5. Anstelle einer Schlussbetrachtung – Erklärung des Künstlers zu den Standorten

 

Als Künstler liegt mir vor allem daran, dass die inhaltlichen Zielsetzungen des Kunstwerks bei der Wahl des Standortes Berücksichtigung finden. Insofern spricht aus meiner Sicht vieles für eine Positionierung an einem Ort, der sich durch gelebte kommunikative Strukturen auszeichnet. Das hat mich in der Beratung auch veranlasst, der Positionierung am Ökumenischen Zentrum Priorität einzuräumen.

 

Nicht weniger wichtig ist indessen die Zielsetzung, dem Kunstwerk  eine allseitigen Wahrnehmung in der Gemeinde zu sichern. Eine Präsentation an eher öffentlich wirksamen Plätzen könnte möglicherweise eine breitere Aufmerksamkeit erzeugen, die längerfristig nicht die Entwicklung von Dialog und Kommunikation, d. h. die intensive Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk, ausschließen muss.

 

Unter Berücksichtigung dieser Aspekte möchte ich betonen, dass letzten Endes alle drei zur Auswahl stehenden Standorte für eine Errichtung des Kunstwerks in Frage kommen können.  

 

 

Der Migrant - Teilausschnitt
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