Fragmente. Formen und Variationen

 

Wenden wir uns der gegenwärtigen Wirklichkeit zu, können wir nicht umhin festzustellen, dass diese nicht mehr als Einheit oder als Ganzes zu erfahren ist. Der stete Wandel lässt es nicht zu, dass wir unsere Welt als unverbrüchliche Ordnung wahrnehmen können. Wir müssen vielmehr anerkennen, dass die Wirklichkeit durch eine Vielfalt gegensätzlicher Strukturen charakterisiert und insofern nur als Geschehenszusammenhang zu verstehen ist. Die Realität gliedert sich gleichsam in verschiedene Bereiche, die aufeinander verweisen mögen, aber nicht aufeinander reduzierbar sind. Nehmen wir als Beispiel die Wissenschaft, die zweifellos mit unserer geschichtlich-gesellschaftlichen bzw. alltäglichen Lebenswelt verknüpft, aber gleichzeitig durch gegensätzliche Strukturen von ihr geschieden ist. Die Differenzierung schlägt sich auch in der Positionierung des Menschen nieder, da er in der Summe seiner Bezüge verbindliche Bindungen verloren hat und er selbst das Humane nur noch in Grenzbestimmungen wahrnimmt.

 

Vor dem Hintergrund dieser Einsicht können wir die Auflösung als ein grundlegendes Element einer komplexen Welt erkennen, in der das Fragment nicht nur allgegenwärtig, sondern auch als Form gesellschaftlicher und individueller Existenz zu begreifen ist.

Dekomposition XXIII

Ästhetisch fesselt am Fragment die Eigenschaft des Übergangs: In der Auflösung entwickelt sich eine Spannung zwischen Form und Formlosigkeit, mithin eine Brückenlage, die sich durch Ambivalenz auszeichnet. Das Aufgelöste oder sich in Auflösung Befindliche stellt sich als Variation des vormals Vorhandenen dar. Es kann Individualität gewinnen, indem es eine autonome Form annimmt und in die künstlerische Komposition, d. h. in das Gestaltete, einfließt.

 

Das Arbeitsprinzip des dualen Verfahrens zielt auf die Entwicklung unterschiedlicher stofflicher Strukturen im Werk ab. Im Wechselspiel der kontrastierenden Texturen, bewegt durch eine klare Linienführung, potenziert sich gleichsam die Dynamik des Materials. In der Dualität des Werkes erscheint das einzelne Element sowohl in seiner eigenen Beschaffenheit als auch in Beziehung zu anderen Elementen als Fragment. Im Zusammenwirken der Teile gewinnt das Fragment jedoch eine eigenständige Form, die sich in einem neuen Kontext entfaltet.

 

Wenn die Wirklichkeit nur als Geschehenszusammenhang zu erfahren ist, sie für uns gleichsam eine nicht mehr unmittelbar greifbare Gegebenheit darstellt, dann wird mit dem Werkprinzip der Dualität der Versuch unternommen, eine Dialektik zu visualisieren, die als solche auf die gesellschaftliche Existenz des Menschen verweist. In der Dualität der Plastik zeigt sich gleichsam die Dualität des Menschen in seinem widersprüchlichen Sein zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Das Fragment kann in diesem Zusammenhang zum Symbol des Verhältnisses von Gelingen und Scheitern menschlichen Handelns werden. Gegenüber einer Realität, die uns den Blick für das Ganze verwehrt, wird uns die Verpflichtung ethisch gebundenen Handelns jedoch nicht abgenommen, unabhängig von der Gewissheit seines Gelingens. 

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